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Logenplätze in Italien : Warum Privatsphäre in Theatern verschrien ist

  • -Aktualisiert am

Von ihrer Loge aus eröffnen im Dezember 2015 der damalige Premierminister Italiens, Matteo Renzi, und seine Frau Agnese (links) gemeinsam mit Mailands Bürgermeister Giuliano Pisapia und seiner Frau Cinzia (rechts) die Mailänder Theatersaison. Bild: dpa

Lange ist es her, als sich die mächtigen Persönlichkeiten Italiens in den privaten Logen der prunkvollen Theater trafen. Bis auf wenige Ausnahmen sind die exponierten Plätze heute meist leer.

          In Cortona zum Beispiel, einer gemütsaufhellenden Kleinstadt im Herzen der Toskana, steht eines der schönsten Theater der Welt. Teatro signorelli heißt es und liegt zentral am Marktplatz, auf dem abends die Kinder Fußbälle gegen die alten Wände schießen, während ihre Väter in der Bar sitzen und sich die Ansichten zur Korrumpiertheit der regionalen Wasserbetriebe ins Gesicht brüllen. Der Film „Das Leben ist schön“ ist hier gedreht worden, und früher soll einmal Pavarotti aufgetreten sein. Mittlerweile ist das Programm übersichtlicher geworden, es werden Filme gezeigt und hin und wieder Gastspiele eingeladen.

          An diesem Abend gastiert ein britisches Rossini-Orchester hier, sechs Gesangsstudenten führen unter der Regie einer jungen Französin „La scala di seta“ auf. Das Haus ist halb leer, draußen wird ein entscheidendes Spiel der Fußball-Weltmeisterschaft gezeigt. Sechsundsechzig kleine von Lüstern beleuchtete Logen gibt es insgesamt an den zur wunderschönen blauen Himmeldecke aufsteigenden drei Seiten des Innenraums.

          Obwohl angesichts der wenigen Besucher eigentlich freie Platzwahl herrscht, ist keines der Séparées besetzt. Warum? Vielleicht, weil die nur nach einer Seite hin offene, mit gesonderten Zugängen und einer kleinen Zahl von Sitzplätzen versehene Loge heute als undemokratisch gilt, als exkludierend und elitär. Sie steht im Verdacht, als Geheimkabinett dunkle Machenschaften zu decken und an einem veralteten Begriff von Gesellschaft festzuhalten.

          Die Dekadenz der Vergangenheit

          Loge gleich Klasse, Unterscheidung gleich Ausgrenzung, so könnten die Gewissensgleichungen lauten, die dazu führen, sich lieber gegenseitig auf die Pelle zu rücken und die Sicht zu versperren, als großzügig verteilt in den asozialen Blackboxen Platz zu nehmen. Im Grunde sind Logen ja wie kleine Höhlen, in denen man geschützt vor mitsummenden Nachbarn dem künstlerischen Geschehen konzentrierter und freimütiger folgen kann als im engen Parkett.

          Hier wird man gedeckt, steht aber gleichzeitig auch im Zentrum. Wie in einem Restaurant-Séparée oder dem aus der Mode kommenden Zugabteil wird man zwar gesehen, aber nicht belästigt. Das macht in einer ubiquitär auf Angleichung setzenden Zeit wohl das große Provokationspotential der Loge aus. Man sitzt in ihr politisch unbequem.

          Von Tolstois „Krieg und Frieden“ bis Tarantinos „Inglourious Basterds“ spielt sie in der Kulturgeschichte immer wieder eine wichtige Rolle als Ort repräsentativer Zeichensetzung, an dem Liebesbündnisse geschlossen und gesellschaftlich-politische Macht demonstriert und demontiert wird.

          Die Ehrenlogen waren zentrale Aufladestationen für das Charisma von Königen, politischen Würdenträgern und später auch Intendanten. Heute bleiben sie meistens leer oder dienen als Aufstellort für die Beleuchtung. So wie an diesem Abend im schönen Theater der italienischen Hügelstadt. Die Sänger schmettern ihre Arien hoch hinaus in den Saal, aber wie aus sechsundsechzig toten Augen starrt nur die Leere zurück.

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