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Italienisches Opernfestival : Ein Vivat der Musik Puccinis

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Hier strahlt die Oper: Puccinis „Turandot” beim Festival in Torre del Lago Bild:

In Torre del Lago findet seit mehr als einem halben Jahrhundert ein Puccini-Festival statt. Allabendlich begeistern sich 3340 Zuschauer für Tosca, Mimì oder Turandot. Elke Heidenreich war dabei. Ein Plädoyer für die Oper als Großereignis.

          Verdi in Parma und Verona, Rossini in Pesaro, Puccini in Torre del Lago - im Sommer feiert Italien seine Komponisten mit großen Festivals, eine Kulturindustrie für Tausende, in Arenen, die wie riesige Schiffswerften aussehen und Bühnenaufbauten haben wie die Rolling Stones. Torre del Lago: ein kleiner Ort an einem kleinen See, etwa in der Mitte zwischen Viareggio, Pisa, Lucca. Im Hintergrund die toskanischen Hügel, Puccinis strenges Haus am lieblichen Massaciuccoli-See - ach, ist das nicht die poetische, die romantische Gegend, in der einem Komponisten Arien wie „Nessun dorma“, „Vissi d'arte“ oder „E lucevan le stelle“ wie von selbst kommen, wenn der Nebel auf dem See liegt und die Enten fliegen?

          Falsch. Puccini lag wenig an der poetischen Schönheit, er war hier vor allem, um seiner Jagdleidenschaft zu frönen - in frühesten Morgenstunden schon ballerte er auf alles, was sich bewegte, und wenn die Schrotflinten leer waren, schoss er die letzten Vögel mit der Pistole vom Himmel. Zur Inspiration brauchte er diese Landschaft nicht. Hier konnte er mit Freunden sitzen und Karten spielen, trinken, am Stammtisch mit dem beziehungsreichen Namen „Club La Bohème“ über die Weiber lästern und eben jagen, was man so jagen nennt.

          Nachts und mit Hut komponierte er Unsterbliches

          Und dann setzte er sich (meist nachts und mit Hut!) ans Klavier im Salon und komponierte Unsterbliches, schuf Frauenfiguren, die stark und schön sind - Mimì, Tosca, Turandot, Butterfly, Manon Lescaut -, um selbst Frauen reihenweise zu vernaschen. Immer brauchte er, seine Briefe sagen es ungeschönt, „una vagina fresca“, und zu Hause saß Gattin Elvira, matronenhaft, eifersüchtig, unglücklich.

          Seit diesem Jahr ist die Freiluftbühne zu einem Freiluftfestspielhaus geworden

          Das alles ist wenig sympathisch. Das alles muss uns egal sein, wenn wir das Werk hören.

          Signora Simonetta Puccini führt ein strenges Regiment

          Es ist nicht einfach, im Jahr des hundertfünfzigsten Geburtstags des Komponisten zu den Puccini-Festspielen zu gelangen. Zuerst lässt die Lufthansa mal wieder ein paar nicht volle Flüge ausfallen, die Vertröstungen über Stunden lauten: „Der Pilot ist krank“, „Der Copilot steckt im Stau“, schließlich, patzig: „Wir haben eben Personalmangel.“ Wir buchen auf eine andere Linie um, aber der Anschlussflug nach Pisa ist weg, man landet spätnachts mit einem mühsam noch aufgetriebenen Mietwagen in Viareggio, wo ein Volksfest ist und man vierzig Minuten einen Parkplatz sucht, das Hotel bedauert, keine Plätze am Haus. Man hat den ersten Tag verloren.

          Den zweiten verbringt man mit der Suche nach dem unfassbar schlecht ausgeschilderten Torre del Lago Puccini, wie er heute heißt. Endlich ist man am See, darf Puccinis zum Museum gestaltetes Haus besichtigen, das er von 1900 bis 1921 bewohnte. Aber nur alle vierzig Minuten wird das Tor für kleine Gruppen geöffnet; die Signora Simonetta Puccini, Enkelin und Erbin, führt da ein strenges Regiment. Man sieht ein kleinbürgerlich überladenes, geschmackloses Ambiente, nichts von der Eleganz und dem Stil Verdis in Sant'Agata, ein Extrazimmer nur für Waffen und Jagdklamotten, das Klavier eher mickrig, die winzige Hauskapelle, in die der Sohn Antonio den 1924 gestorbenen Vater zwei Jahre nach dem Tod aus Mailand überführen ließ, ein trostloser Ort, in dem Touristen in kurzen Hosen sich drängen und mit Handys fotografieren.

          Das Drumherum ist eine Katastrophe

          Seit diesem Jahr ist die Freiluftbühne ein paar Schritte daneben zu einem Freiluftfestspielhaus geworden, wie eine riesige Fußballarena, blau, modern, in die Landschaft geklotzt. 3340 Menschen passen Abend für Abend hinein, von Juli bis September, und 3340 kommen jeden Abend, das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Sie kommen natürlich, wie auch wir, mit ihren Autos an den abgelegenen See, zu dem nur eine einzige Straße führt, die nicht mal für diese Abende wenigstens zur Einbahnstraße wird. Das bedeutet: eine Stunde Stau vorher, wirres Parken auf Wiesen, eine Stunde Stau nachher. In Torre del Lago zwei kleine Restaurants, da kann man essen, wenn man will, aber nicht einfach so sitzen und einen Wein oder caffè trinken. Zwei Andenkenbuden.

          3340 Menschen - nein, rechnen wir sechzig ab, die in den Restaurants Platz gefunden haben -, also 3280 alte, mittelalte, junge Menschen stehen auf hohen Absätzen und in Abendgarderobe auf Schotter in der Sonne herum, ohne eine Möglichkeit, sich zu setzen, etwas zu trinken, zur Toilette gehen zu können. Die Infrastruktur ist eine Katastrophe. Unter den Bäumen ließen sich mühelos Bänke, Tische, eine kleine Außengastronomie aufbauen. Wir flüchten auf ein klappriges Boot, das „Cio Cio San“ heißt (wie Puccinis eigenes Motorboot) und das für wenig Geld eine einstündige Rundfahrt auf dem See anbietet, und wir flüchten vor Abfahrt wieder runter vom Boot, weil der Kapitän laute Schlagermusik donnert und das nach Aussage auch so beibehalten wird. Da sollte Signora Puccini mal eingreifen.

          Mit dem ersten Ton ist aller Anreiseunmut weg

          Und endlich fängt es an, gegen halb zehn abends. Man sitzt unter tiefblauem Nachthimmel. E lucevan le stelle, die Sterne leuchten, der Mond steht tatsächlich am Himmel, die Bühne ist gigantisch, und die ersten Töne erklingen. Und es passiert das, was passiert ist, als bei der englischen Superstar-Suche der dicke Handyverkäufer Paul Potts mit den schiefen Zähnen sein „Nessun dorma“ sang und Millionen zum Weinen brachte. Es war nicht Paul Potts, den hätten sie sonst ausgebuht. Es war Puccini, der sie ergriffen hat. Und hier in Torre del Lago ist aller Anreiseunmut mit dem ersten Ton weg: Puccini hat uns. Frauenheld? Jäger? War Goethe etwa sympathisch? Zählt es, was die Künstler treiben, oder zählt, was sie uns hinterlassen? Nur das. Puccini kriegt sie alle, diese 3340 Menschen an jedem Abend, die seinetwegen kommen oder nur, damit in den Ferien mal etwas los ist, oder einfach aus Neugier - sie sind still, sie lauschen, sie sind ergriffen, sie explodieren nach den letzten Tönen, dankbar, angerührt. Etwa 50.000 jeden Sommer, seit 54 Jahren.

          Wir auch. Wir hören an einem Abend „Tosca“, am anderen „Turandot“ und sind entrückt und dankbar für das Geschenk der Schönheit dieser Musik in dieser Kulisse.

          Public Viewing? Warum auch nicht!

          Und dabei sind die Sänger hier keine Weltklasse (waren sie einmal: Beniamino Gigli, Giuseppe Di Stefano, Domingo, Carreras, Pavarotti, Renata Scotto, Katia Ricciarelli haben hier gesungen, Mario Del Monaco beendete 1975 hier in Torre del Lago seine Karriere, Chailly, Sinopoli und Nello Santi haben hier dirigiert), aber das Orchester ist erstaunlich gut. Nur wenige Schritte weiter steht Puccinis Haus, da liegt er in seinem engen Grab, er, der sich 1924 vor der Abreise nach Brüssel zu der Operation, an der er sterben sollte, gewünscht hatte: „Einmal in meinem Leben möchte ich gerne hierherkommen und eine meiner Opern unter freiem Himmel hören.“

          Er würde sich freuen über das, was er hört. Die Inszenierungen sind relativ pompös, wie es eine so riesige Bühne auch braucht, die Musik ist grandios in dieser Kulisse, und im Laufe eines Sommers werden Tausende von Menschen an diese Musik herangeführt und staunen. Public Viewing? Ja, Public Viewing, Eventcharakter, wie auch inzwischen in Salzburg und sogar in Bayreuth, und warum auch nicht. Warum sollen immer nur die großen Fußballereignisse ihre Arenen haben, warum nicht auch die Kunst, die sonst untergehende Kultur der Oper. Was hier passiert, ist nicht so elegant wie Glyndebourne, nicht so elitär wie Bayreuth, aber weitaus redlicher als Olympische Spiele: Hier gibt es keinen Wettbewerb. Hier kann man nicht dopen. Hier wird, wie ungeschickt auch immer, ein Plädoyer für Musik gehalten, und es erreicht die Menschen.

          Es hilft nichts: Die Menge explodiert

          Wir haben alles demokratisiert, nun wird auch die Kunst massentauglich. Natürlich gibt es dabei Qualitätsverlust. Aber wenn nicht mehr für elitäre dreihundert, sondern für dreitausend gespielt wird, hat die Oper eine Chance zu überleben. Diese dreitausend gehen dann vielleicht, teilweise, auch in ihren Heimatstädten in die Oper, weil sie ein schönes Erlebnis wiederholen wollen.

          Wahrscheinlich ist das sehr naiv gedacht. Aber das Beispiel von Paul Potts hat uns gezeigt, dass das Bedürfnis da ist, angerührt zu werden. Sie wissen nicht, wer Puccini ist, und sie weinen, wenn sie ihn hören - Sieg auf der ganzen Linie für die Musik. Und das funktioniert auch in Torre del Lago. Puccini wollte keine schönen Nummern schreiben, leitet nach jedem vermutlichen „Hit“ sofort über in die nächste Szene, schickt das Orchester ganz woandershin - es hilft nichts, die Menge explodiert, klatscht, der Dirigent muss anhalten und neu einsetzen. Puccini macht es uns eben nicht ganz leicht, ihn zu lieben, aber wir tun es trotzdem.

          Mehr kann ein solches Festival kaum leisten

          Dabei ist es ein gefährlicher Grat, auf dem das Festival in Torre del Lago wandelt: Gerade bei Puccinis Opern, da sind sich alle Experten einig, ist die Inszenierung, die Interpretation äußerst wichtig, denn die Musik balanciert manchmal auf schmalem Grat zwischen Banalität und Genialität, zwischen Lehár und Verdi. Das kann in einer Arena schiefgehen. In Torre del Lago geht es nicht schief. Es wird mit tiefem Ernst musiziert, das Bühnengeschehen ist manchmal bombastisch, aber nie kitschig. Die Massen sind bestens unterhalten und bekommen doch Qualität. Mehr kann ein solches Festival kaum leisten.

          „Che musica suona L'Italia, diamo un futuro alla musica!“, las ich vergangenen Sommer an der heruntergekommenen Oper in Bologna - ein Transparent, das Studenten der Universität angebracht hatten: Wir müssen der Musik eine Zukunft geben, wenn sie weiter eine Stimme sein soll, die uns leitet. Nicht ganz einfach in Berlusconis Italien. Aber in Torre del Lago funktioniert es. Und zurück funktioniert sogar die Lufthansa.

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