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Italienische Opernkrise : Auf zum letzten Addio!

  • -Aktualisiert am

Angestellte der Mailänder Scala tragen symbolisch die Kultur zu Grabe Bild: AP

Berlusconi nennt es Reform, für viele italienische Opernhäuser aber ist es der Todesstoß. Seit Jahren doktert Italien an einer Reform des Opernbetriebs herum. Nun hat die Regierung ein neues Spardekret erlassen.

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          „Addio“ ist eines der Schlüsselwörter der italienischen Oper. Es gibt Meisterwerke des Genres wie Giuseppe Verdis „Maskenball“, in dem der ominöse Abschiedsgruß schon gleich zu Anfang schmachtend ertönt, um dann bis zum Ende rhythmisch das Sterben der liebenden Helden zu untermalen. In diesem Sinn ist der lange Abgang der italienischen Oper in ihrem Mutterland eine für die Gattung typische Inszenierung: Seit bald zwei Jahrzehnten doktern Minister, Kulturmanager, Intendanten, Bürgermeister und Gewerkschafter an einer Reform des Opernbetriebs herum. Der Patient, dessen Siechtum niemand leugnen kann, hat immer wieder und immer neue Schockbehandlungen halbwegs überstanden. Doch nun droht ihm ein Dekret von Kulturminister Sandro Bondi, rechtsgültig unterzeichnet von Staatspräsident Giorgio Napolitano, den Rest zu geben. Von den etwa dreihundertvierzig Millionen Euro des Musik- und Theaterfonds „FUS“ soll ab sofort ein knappes Drittel eingespart werden.

          Das Dekret unterstellt die gesamte Branche zudem einer Art Zwangsverwaltung: Für mindestens zwei Jahre gibt es einen Einstellungsstopp an den Opernhäusern; lukrative Nebentätigkeiten und Zulagen der festangestellten Musiker sind ab sofort ebenso verboten wie Haustarife; die Intendanten bekommen nur noch erhöhte Subventionen, wenn in ähnlichem Umfang Sponsorengelder eingetrieben werden. Die radikale Streichung trifft allerdings nicht alle Häuser in gleichem Maße. Die Beteiligung von Stadt und Region ist ebenso unterschiedlich wie die Werbewirkung. Die Mailänder Scala etwa deckt ihren Etat in der reichen Industriemetropole zu sechzig Prozent selbst ab, während das arme Cagliari, in dem man auf Sardinien seit Jahren seltene deutsche Opern aus der Taufe hebt, über solche Mittel nicht verfügt. Mal geben Stadt und Region mehr - wie zum Beispiel in Guiseppe Verdis Stammland um Parma. Mal, so etwa in der Grenzstadt Triest, gibt es gar kein Hinterland und schon gar keine transnationale Kooperation.

          Kein Spielraum für Neues

          Unzweifelhaft hat das Bondi-Dekret deutlich gemacht, wie gründlich die Opernreform der neunziger Jahre, in deren Rahmen alle Institute in Stiftungen öffentlichen Rechts mit weitgehender Selbstverwaltung überführt worden sind, gescheitert ist. Statt als Botschafter der „Italianità“ massenhaft Geld einzuspielen, Gäste aus dem In- und Ausland in Scharen anzulocken und sich quasi selbst zu tragen, begann gerade für die weniger prestigeträchtigen, doch darum keineswegs zu unterschätzenden Opernhäuser wie Catania, Genua, Bologna ein langes Darben.

          Auch die Scala in Mailand leidet unter dem Spardekret

          Der Staat hatte sich mit grandioser Geste seiner Verantwortung für die Finanzierung entzogen und dies noch als Befreiung von bürokratischer Gängelung verkauft. Zwischen den starken, oft heillos zersplitterten Hausgewerkschaften und dem Zwang zum Geldverdienen blieb vielen Intendanten kaum der Spielraum für Neuproduktionen. Schon in den vergangenen zwei Jahren kamen Häuser wie Neapel, Genua und sogar Rom, dessen Oper eine endlose Agonie durchmacht, unter ministerielles Zwangskommissariat. Im Teufelskreis von immer weniger Vorstellungen, immer rabiaterem Personal und immer weniger Subventionen droht die Institution zermalmt zu werden.

          Signale von der Politik erwünscht

          In Venedig jedoch konnte am Fenice-Opernhaus der Künstlerische Leiter Fortunato Ortombina gleichzeitig vorführen, dass der eingefahrene Betrieb durchaus ein gewaltiges Steigerungspotential besitzt. Trotz einer Kürzung der Zuschüsse um ein Drittel konnte man in der vergangenen Spielzeit durch häufige Wiederholungen und preiswertere Koproduktionen die Zahl der Aufführungen um über dreißig Prozent steigern. Doch irgendwann sind auch diesen Rationalisierungen Grenzen gesetzt, will man nicht zum toten Operettentheater von der Stange verkommen.

          Ortombina betont jetzt, wie traurig ihn jede wegen Streiks ausgefallene Produktion stimme, weil damit Geld und Ansehen weiter verlorengingen. Doch zugleich wünscht er sich - mitten in den Proben von Mozarts „Don Giovanni“ - von der nationalen Politik auch ein Signal, wie es denn nun überhaupt weitergeht: „Wir können irgendwie vielleicht noch etwas einsparen, um unsere nächste Spielzeit zu retten. Aber wir wissen im Moment einfach überhaupt nicht, über welche Ressourcen wir in ein paar Jahren überhaupt noch verfügen“, sagt er.

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