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Istanbuler Urteil gegen Fazil Say : Ist das Paradies denn eine Schänke?

Fazil Say hat nie ein Hehl daraus gemacht, wie wenig er von der Regierung Erdogan hält. Bild: dpa

Wegen Herabwürdigung religiöser Werte und Störung des öffentlichen Friedens ist der Pianist Fazil Say zu zehn Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt worden. Der Künstler denkt darüber nach, die Türkei zu verlassen.

          Ein Istanbuler Gericht hat heute den türkischen Pianisten und Komponisten Fazil Say wegen Herabwürdigung religiöser Werte und Störung des öffentlichen Friedens zu einer zehnmonatigen Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt. Say, der Konzertsäle auf der ganzen Welt füllt und sich derzeit auf Tournee in Deutschland befindet, hatte sich im vergangenen April über Twitter über die islamischen Frömmler in seiner Heimat lustig gemacht.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Er verbreitete zwei Zeilen eines Gedichts, das dem persischen Dichter Omar Khayyam (1048 bis 1131) zugeschrieben wird: „Du sagst, durch Deine Bäche wird Wein fließen, ist das Paradies denn eine Schänke? Du sagst, Du wirst jeden Gläubigen mit zwei Jungfrauen belohnen, ist das Paradies denn ein Bordell?“ Über einen Muezzin, der für den Ruf zum Abendgebet nur erstaunlich kurze 22 Sekunden, „prestissimo con fuoco“, brauchte, mokierte Say sich später im Sinne des Dichters: „Warum so eilig? Eine Geliebte? Der Raki-Tisch?“

          Und er tweetete auch Botschaften wie diese: „Überall wo es Schwätzer, Schurken, Sensationsgierige, Diebe, Blödmänner gibt, sind sie alle furchtbar fromm.“ Say, der sich selbst als Atheisten bezeichnet, hat nie einen Hehl daraus gemacht, wie wenig er von der muslimisch-konservativen Regierung von Recep Tayyip Erdogan hält, deren Mitglieder, so der Pianist, keine Ahnung von hoher Kunst hätten und die wahren Künstler des Landes zu wenig schützten.

          Vor Beginn seines Prozesses im vergangenen Jahr sagte er, dass die Türkei immer seine „größte Inspiration“ gewesen sei, und dass er sein musikalisches Leben mit dem Versuch verbracht habe, Kultur, Geschichte und Geist seines Landes zu verstehen. Inzwischen denkt der Musiker öffentlich darüber nach, das Land endgültig zu verlassen.

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