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Israel Chamber Orchestra in Bayreuth : Brückenschlag, einseitig

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Musiker des Israel Chamber Orchestra beim Konzert in der Bayreuther Stadthalle Bild: dapd

Zum ersten Mal spielte das Israel Chamber Orchestra in Bayreuth - und mit „Siegfried Idyll“ auch zum allerersten Mal Musik von Richard Wagner. Man war bemüht, politische Akzente zu vermeiden. Ganz ausblenden aber ließen sie sich nicht.

          Eine Bombendrohung am Gate der israelischen Fluggesellschaft El Al bei der Ankunft in München am Sonntagvormittag, Sicherheitskontrollen während der Proben, Spürhunde, die vor Einlass des Publikums den Aufführungsort inspizieren: Die nervliche Anspannung der Musiker des Israel Chamber Orchestra dürfte während dieses Gastspiels in der Bayreuther Stadthalle enorm gewesen sein – auch jenseits des Umstands, dass sie mit dem „Siegfried Idyll“ zum allerersten Mal ein Werk von Richard Wagner in ihrem Programm hatten.

          Und auch für Bayreuth war dieser Auftritt ein ungewöhnliches Ereignis, das heftig begrüßt und im Stehen beklatscht wurde – und das dennoch auch eine gewisse, leicht ungelenke Verwirrung offenbar werden ließ. Denn worum es bei diesem, wie die Pressemeldungen nicht müde wurden zu betonen, ersten Gastspiel eines israelischen Orchesters im von der nationalsozialistischen Vergangenheit stark belasteten Bayreuth nun wirklich gehen sollte, das schien von Anfang an nicht klar.

          Roberto Paternostro, erfahrener Wagner-Dirigent und Chef des Israel Chamber Orchestra, stellt im Gespräch klar, dass er nicht „als Politiker“, sondern „nur“ als Musiker gekommen sei, und es ihm ausschließlich um die Kunst gehe. Für das Unbehagen und die Proteste, die sein Plan vorübergehend in Israel ausgelöst hatten, zeigt er Verständnis.

          Der politische Rahmen war nicht auszuklammern

          So habe man aus Respekt vor den Holocaust-Überlebenden Wagner nicht auf israelischen Boden geprobt, sondern erst nach der Ankunft in Bayreuth. Er habe nicht provozieren wollen. Auch der nach Bayreuth gereiste Anwalt Jonathan Livny, der jüngst in Jerusalem die erste Richard-Wagner-Gesellschaft Israels gegründet hat, findet, es müsse doch „endlich möglich sein, Politik von Kunst zu trennen“.

          Dass man zum Auftakt des Konzerts nach einer Begrüßungsrede des Bayreuther Oberbürgermeisters Michael Hohl im Stehen der israelischen Nationalhymne Ha Tikva lauschte, stellte die Unternehmung dann doch in exakt jenen politisierenden Rahmen, der von Beginn an nicht auszuklammern war. Dies auch deshalb nicht, weil das Ereignis, für das die Wagner-Festspielleiterin Katharina Wagner die Schirmherrschaft übernommen hatte, mit einer von allen Seiten beschworenen symbolischen Bedeutung aufgeladen wurde.

          Rund um dieses Gastkonzert kursierte das vage Wort vom „Brückenschlag“. Worin aber sollte die in Anspruch genommene „Versöhnungsgeste“ von der Seite Bayreuths bestehen? Die so absurde wie monströse Möglichkeit, dass man die Bereitschaft israelischer Musiker, mit einer Komposition Wagners im Dunstkreis der ehemaligen Lieblingsfestspiele und eines geistigen Hauptquartiers Adolf Hitlers aufzutreten, hätte ausschlagen können, wird sicher niemand auch nur im Geiste durchgespielt haben.

          Vergangenheitsbewätigungs-Symbolik

          Bleibt der Brückenschlag des Orchesters, der in der Tat hohe Achtung verdient. Ob die Musiker auch gekommen wären, wenn sie geahnt hätten, dass Sebastian Baumgarten nur wenige Stunden vor ihrem Konzert die Elisabeth seiner „Tannhäuser“-Inszenierung zum Sterben in die „Biogas“-Kammer schicken würde?

          Für die zünftige Kostümierung der Choristen in dieser Aufführung hatte die Bayreuth-Chefin Katharina Wagner während der Proben noch eingreifend gesorgt. An Baumgartens mehr als nur geschmacklosem Regiedetail aber scheint sie keinen Anstoß genommen zu haben. Und vermutlich würde sie über diesen Widerspruch der diesjährigen Bayreuther Vergangenheitsbewältigungs-Symboliken sogar sehr erschrecken.

          Im Konzert war von alldem jedoch nichts zu spüren. Paternostros Musiker spielten so strömend und unbeschwert, als habe es nie eine Debatte gegeben: Tzvi Avnis 1961 entstandene, in ihrer melancholisch herben melodischen Rhetorik, den vielen Taktwechseln und dem sehr direkten Ausdrucksernst an die Musik Béla Bartóks erinnernde Komposition „Prayer“; Gustav Mahlers Rückertlieder: mit großer interpretatorischer Geste gesungen und für Streichorchester bearbeitet vom Bariton Dietrich Henschel; danach eine quecksilbrig-elektrisierte vierte Symphonie von Mendelssohn Bartholdy und Franz Liszts „Angelus! – Gebet an die Schutzengel“.

          Nur bei Wagners „Siegfried Idyll“ schien das vorsichtige Bestreben, alles richtig machen zu wollen, jener klangsinnlichen Leichtigkeit, die das Stück braucht, um seinen schwebenden Zauber entfalten zu können, ein klein wenig im Wege zu stehen.

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