https://www.faz.net/-gqz-8oezf

„Geächtet“ in Österreich : Beim Desasterdinner wird nicht gekleckert

  • -Aktualisiert am

Quaderturnen: „Geächtet“ im Schauspielhaus Graz mit Evamaria Salcher als „Emily“, Florian Koehler als „Isaac“, Benedikt Greiner als „Amir“ und Mercy Dorcas Otieno als Jory. Bild: Lupi Spuma

„Geächtet“, das islamkritische Erfolgsstück von Ayad Akhtar, gehört eigentlich nach New York, wird aber in Österreich gespielt. Funktioniert die provokante Posse auch in Wien und Graz?

          Kommt eines Tages der Erzengel Gabriel zu Mohammed ... nein, hier handelt es sich nicht um den Anfang eines Witzes. Vielmehr leitet so Amir, der Ungläubige, seine Auslegung des Korans ein. Er hat seinem Neffen kurz zuvor, auf dessen Vorwürfe, er, Amir, sei nur in einer Phase und auf der Suche nach dem Glauben, beschieden: „Wenn dir meine große Schwester irgendwas von Wegen und Abweichungen erzählt, kannst du dir jetzt besser vorstellen, welche Phase ich tatsächlich durchmache. Man nennt sie Intelligenz.“ Kein Witz also, sondern Ernst! Und blutig wird es auch noch werden.

          Amir, renommierter Wirtschaftsanwalt in Manhattan, verheiratet mit Emily, einer „weißen“ (wohl auch: angelsächsisch-protestantischen) Künstlerin, die sich in ihrem Schaffen soeben auf die Einflüsse islamischer Kunst einlässt, hat nicht ganz die Wahrheit gesagt: Er entstammt einer pakistanischen, muslimischen Familie, hat aber seinen Nachnamen zum indisch klingenden „Kapoor“ geändert. Als seine Frau und sein Neffe Hussein ihn bitten, Husseins Imam, der vor Gericht gestellt wurde, zu helfen, tut er das widerwillig. Dadurch wird aber auch seine Kanzlei in die Affäre hineingezogen. Deswegen wird ihm seine schwarze Kollegin Jory bei der Beförderung vorgezogen, was er erst in der entscheidenden Szene des Stückes, dem Dinner zu viert mit Emily, Jory und Isaac, Jorys Mann und zufällig Emilys Galerist, erfährt. Am Ende hat Amir alles verloren.

          Brutalität der Schnauzbärtchen

          Das Stück „Geächtet“ („Disgraced“), vom pakistanischstämmigen New Yorker Ayad Akhtar im Jahre 2012 geschrieben und kurz darauf der Überraschungserfolg erst in Chicago, dann am Broadway, bald danach auch in London, seit der Spielzeit 2015/2016 gleichfalls auf Bühnen in Deutschland und der Schweiz (F.A.Z. vom 6. Februar), kürzlich in einer Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“ zum „besten ausländischen Stück des Jahres“ erkoren, ist in dieser Saison nun in Österreich angekommen. Prominent am Burgtheater - der 1970 geborene Autor Akhtar war zur Premiere nach Wien gereist - und knapp zwei Wochen später nun am Schauspiel Graz.

          In Wien nützt man diese Gelegenheit, um nicht zu kleckern, sondern zu klotzen – obschon dieser Ausspruch garantiert nicht Wienerischen Ursprungs ist. Die Szene, „eine geräumige Wohnung an der Upper East Side, New York … sparsam und geschmackvoll eingerichtet“, ragt als Quadrat, weiß mit weißer Einrichtung (Bühne: Stefan Hageneier), spitz in den Publikumsraum hinein. Regisseurin Tina Lanik folgt auch den übrigen Anweisungen im Textbuch kreuzbrav und beinahe punktgenau, fügt freilich noch einiges hinzu. Den gefühlsverwirrten Amir gibt Fabian Krüger, der trotz seines kecken Schnauzbärtchens zwar nicht sehr pakistanischstämmig wirkt, aber rein optisch als Baschar-al-Assad-Double durchgeht. Die von Katharina Lorenz naiv-lasziv angelegte Emily schlägt er nicht nur, wie vorgesehen, wiederholt brutal ins Gesicht. Da er bei jenem unheilvollen Abendessen zu allem Überdruss erfahren musste, dass sie mit Isaac während der gemeinsamen Londonreise im Herbst eine Affäre hatte, vergewaltigt er die Schwerverletzte auch noch. Besagten Isaac spielt Nicholas Ofczarek, wie er es am besten kann und wie es sagenhaft gut zum Charakter des Galeriefuzzis passt: als raunziges, besserwisserisches, vor allem aber übergriffiges Arschloch.

          Weitere Themen

          Fans gedenken Michael Jackson Video-Seite öffnen

          Zehn Jahre nach dem Tod : Fans gedenken Michael Jackson

          Zehn Jahre nach seinem Tod ist er für sie immer noch ein Idol - trotz der Missbrauchsvorwürfe. Hunderte Menschen versammelten sich vor dem Forest-Lawn-Friedhof oder auf dem „Walk of Fame“ um dem „King of Pop“ zu gedenken.

          Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

          "Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.