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CD-Edition von Isaac Stern : Nicht immer auf geradem Wege

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Die „glory road“ ist Stern nicht immer auf geradem Wege gegangen. Nachdem er 1960 die vom Abbruch bedrohte Carnegie Hall gerettet hatte, avancierte er, nach Einschätzung von Agenten, Managern, Produzenten und Kollegen, zum „biggest power broker in the music business“ („New York Times“). Er häufte Ämter und Posten: Präsident der Carnegie Hall Corporation, Chairman der America-Israel Cultural Foundation, Berater der mächtigen Agentur ICM Artists Ltd., Gründungsmitglied des National Council of the Arts.; er war familiär mit Präsidenten, famillionär mit Potentaten und wurde zu einem von Satelliten umgebenen Fix-Stern. Seine Protegés – darunter Pinchas Zukerman, Itzhak Perlman, Miriam Fried, Shlomo Mintz, Yo-Yo Ma und Yefim Bronfman wie seine Freunde Zubin Mehta und Daniel Barenboim – waren als Machtclique berühmt wie berüchtigt.

Und die Folgen dieses Multi-Taskings? Der 36 Stunden am Tag beschäftigte Stern verärgerte Dirigenten, Kollegen und Orchestermusiker, weil er bisweilen vor Konzerten und selbst vor Aufnahmen nicht gut vorbereitet war. Das Konzert von Beethoven, das er 1959 mit Bernstein aufnahm, konnte erst nach fast 400 Korrekturen und Schnitten veröffentlicht werden. Dieses „editing“, das Stern sich von Columbia hatte zusichern lassen, um seine auch von Kollegen wie Eugene Istomin kritisierten Intonationsprobleme zu kaschieren, mag Temposchwankungen ebenso erklären wie klangliche Diskrepanzen, die entstehen, wenn Takes nachträglich einmontiert werden – wie offenbar in der Kreisler-Kadenz, in der drei Takte fehlen – wie ein sorgfältiger Kritiker in einem Blog anmerkt, dem auch nicht entging, dass im Rondo ein Teil von Takt 172 und Takt 217 fehlte. Vom Solisten ausgelassen? Oder vom Aufnahme-Ingenieur übersehen?

Steine in den Weg von Kollegen und Rivalen

In den seit Mitte der sechziger Jahre entstandenen Aufnahmen der Konzerte von Igor Strawinsky, Alban Berg, Paul Hindemith, Samuel Barber und Krzysztof Penderecki finden sich jene Reibungen und Intonationsschwankungen, die ihm unter Kollegen den Beinamen „Isaac Scratch“ eintrugen. Stellvertretend sei ein Monitum des Dirigenten George Szell erwähnt, der sich vor Zeugen weigerte, das Konzert von Tschaikowsky mit Stern aufzunehmen. Dass Stern, wie Szell sagte, „zu den Größten gehören könnte, wenn er nur gut vorbereitet war“, ist etwa in der Aufnahme von Mendelssohns zweiten Klaviertrio c-Moll zu bewundern, in welcher der 59jährige mit elfentänzerischer Anmut musiziert.

Im Internet finden sich alles andere als wunderbare Zeugnisse für die Macht – und auch die Machenschaften – des „power broker“ Stern. Beim Leventritt Wettbewerb von 1967 hatte die Jury der Koreanerin Kyung Wha Chung den ersten Preis zuerkannt, Stern Protegé Pinchas Zukerman war nicht ins Finale gekommen. Stern nötigte die Jury, Zukerman noch einmal spielen zu lassen und sorgte dafür, dass der erste Platz geteilt vergeben wurde. Vielfach bezeugt ist auch, dass er Kollegen und Rivalen Steine in den Weg legte: darunter dem Polen Henrik Szeryng wie dem Amerikaner Aaron Rosand, der einer der raren „fiddler’s fiddler“ ist. Für den Blog des englischen Journalisten Norman Lebrecht schilderte Rosand – „My Life with Isaac Stern“ – seine leidvollen Erfahrungen. Auf dieses „J’accuse“ reagierten Dutzende Musiker mit „me too“. Der Ruhm hat nun einmal, wie Honoré de Balzac sagte, keine weißen Flügel.

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