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Interview mit Stargeiger : Eine goldene Stradivari hören Sie sofort

  • -Aktualisiert am

Nach den Querelen um die Kunstsammlung der WestLB verlor Frank Peter Zimmermann seine Stradivari. Jetzt hat er eine neue, die er heute Abend in der Berliner Philharmonie vorstellt.

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          Herr Zimmermann, Glückwunsch! Wie haben Sie es nur ein Jahr lang ohne Stradivari ausgehalten?

          Ich bin verrückt geworden! Obwohl, so ganz stimmt das nicht, ich habe in diesem schlimmen Jahr doch auf Stradivari-Geigen gespielt. Nur eben alle zwei, drei Wochen auf einer anderen, die ich mir von allen möglichen Sammlern und Händlern ausgeliehen habe, zum Ausprobieren. Irgendwann wird man dabei wahnsinnig.

          Musste es unbedingt wieder eine Stradivari sein?

          Das ist für jeden Geiger individuell verschieden. Aber jede gute Geige ist ein Individuum, und unter den Stradivaris gibt es Riesenpersönlichkeiten, jede einzelne eine Primadonna für sich. Mir ging es so, dass ich, als ich die „Lady Inchiquin“ im Februar 2015 in Stuttgart abgab, innerhalb weniger Tage etwas finden musste. Ich habe überall angefragt, bei allen Stiftungen, die es auf der Welt gibt, nirgendwo war ein Instrument frei. Zum Glück lieh mir Charles Beare (der britische Geigenhändler) eine Guarneri-Geige für das nächste Konzert, eine Woche später in New York. Das war für mich wie eine Schocktherapie! Danach war schnell klar, dass ich wieder auf einer Stradivari spielen wollte.

          Wie unterscheidet sich eine Guarneri del Gesù von einer Stradivari? Worauf kommt es an?

          Ich war nie ein Guarneri-Spieler und werde wohl auch nie einer werden. Aber Sibelius passt schon wunderbar auf eine Guarneri, und viele Kollegen schwören darauf. Ich würde sagen: Mit einer guten Geige von Guarneri kann man alles machen, was man machen will. Aber bei einer guten Stradivari ist es andersherum. Da muss man alles genau so machen, wie es dieses spezifische Instrument will, diese Diva, mit ihren Launen und Möglichkeiten. Aufregend. Es kann manchmal Jahre dauern, bis man dahintergekommen ist.

          Es gibt auch weniger gute Stradivari-Instrumente...

          Natürlich, es gibt auch schlechte. Es gibt Stradivaris, die sind Ruinen, und es gibt wahrscheinlich auch Stradivaris, die nie geklungen haben. Aber wenn Sie eine wirklich goldene Stradivari hören, das hören Sie sofort. Jede hat ihre ganz eigene Stimme, ihre Aura. Selbst sehr gute Spieler müssen sich darauf erst mal einstellen. Wenn Sie ein guter Autofahrer sind, dann können Sie halt noch lange nicht einfach einsteigen in ein Formel-1-Auto.

          Ihre neue „Général Dupont, Grumiaux“-Stradivari gehört zu den letzten Instrumenten, die Antonio Stradivari selbst gebaut hat. Jahrgang 1727. Wie haben Sie die gefunden?

          Sie hat mich gefunden. Am 18.Oktober hatte ich ein Konzert in Schanghai. Als ich zur Anspielprobe kam, stand vor dem Künstlerzimmer ein Chinese, der passte mich ab, er sprach fließend Deutsch. Das war der Herr Yu. Er sagte, er wolle mir seine Geige zeigen. Ich, so knapp dran mit der Zeit, habe ihn dann aber doch mit reingenommen. In diesem total überakustischen Künstlerzimmer, schon nach drei oder vier Tönen wusste ich: Diese Geige kenne ich! Diesen Klang! Ich riet es gleich, ich fragte: „Ist das die ‚Grumiaux‘?“ Den Klang kenne ich seit meiner Kindheit, ich bin mit den Bach- und Mozartaufnahmen von Arthur Grumiaux aufgewachsen. Ich habe sie dann kurzentschlossen sofort auch in dem Konzert in Schanghai gespielt, obwohl sie nicht richtig besaitet war. Herr Yu, der das Instrument eigentlich an junge chinesische Nachwuchskünstler hatte verleihen wollen, war auch ganz überwältigt. Das war ein Schicksalstag.

          Herr Yu verkauft in China ökologisch korrekte Wandmalfarben aus Deutschland. Wie kommt er zu einer Stradivari?

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