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Interview mit Gérard Mortier : In Europa werde ich nur noch Urlaub machen

  • Aktualisiert am

„In Amerika gibt es eine neue Energie”: Gérard Mortier Bild: AP

In der Opernwelt ist es eine Sensation: Gérard Mortier wird von 2009 an die New York City Opera leiten. Im ersten Interview nach Bekanntgabe seines Wechsels erläutert Mortier seinen Coup und spricht über seine Hoffnungen und Pläne.

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          Gérard Mortier, Chef der Pariser Oper und ehemaliger Intendant der Salzburger Festspiele, wird von 2009 an als General Manager und Artistic Director die New York City Opera leiten. Das ist nicht nur eine Sensation, weil die City Opera als zweites Haus im Lincoln Center chronisch im Schatten der Metropolitan Opera steht und eigentlich keinen Kulturmanager dieses Rangs anzuziehen vermag. Auch dass Mortier so überraschend Europa den Rücken kehrt, um in den Vereinigten Staaten noch einmal neu anzufangen, wird noch für einige Debatten sorgen. Wir veröffentlichen das erste Interview, in dem Mortier seinen Coup erklärt. (F.A.Z.)

          Herr Mortier, Sie gehen von Paris nach New York. Haben Sie von Europa die Nase voll?

          Das wäre etwas zu viel gesagt. Aber wenn man fünfundsechzig wird, gibt es in Europa nicht mehr allzu viele Arbeitsmöglichkeiten. Ich habe auch den Eindruck, dass bei uns zurzeit Intendantenposten eher rückblickend besetzt werden, dass in New York hingegen nach neuen Möglichkeiten gesucht wird. So habe ich es wenigstens über die sechs Monate empfunden, die ich dort verhandelt habe. Man sucht einfach etwas Neues.

          Glauben Sie denn, Sie könnten in Amerika etwas tun, was Ihnen in Europa verwehrt wäre?

          Jein. In Europa habe ich gemacht, was ich machen konnte. Ich könnte mich nur noch wiederholen. Das aber kann ich jetzt nach New York bringen, wobei ich noch nicht weiß, ob mir das auch gelingen kann. Wenn es ein neugieriges Publikum in Amerika gibt, ist es bestimmt in New York zu finden. Auch im Hinblick auf die kommenden Präsidentschaftswahlen spürt man, dass etwas im Umbruch ist und sich, im Gegensatz zu den vergangenen fünf Jahren, etwas bewegt. Es gibt eine neue Energie. In den siebziger und achtziger Jahren war in New York unglaublich viel los, während die vergangenen fünfzehn Jahre eher stagniert haben. Nach den Terroranschlägen hat sich allmählich auch eine neue künstlerische Suche entwickelt. Und vielleicht kann ich als Europäer dazu einen Beitrag leisten.

          Passt denn Oper noch nach New York?

          Es wäre schön, wenn es mir in meinem letzten großen Job und vielleicht letzten großen Traum gelingen würde, der Oper, die Amerika aus Europa importiert hat, in New York einen neuen Inhalt zu geben. Aus einem nostalgischen Traum könnte sich eine Form entwickeln, mit der sich die Zukunft gestalten ließe. Was die Amerikaner derzeit absolut nötig hätten. Aber vielleicht ist das auch nur mein eigener Traum, der nie in Erfüllung gehen wird.

          Sie werden von der märchenhaft subventionierten Pariser Oper an die New York City Opera kommen, ein Haus, das man fast als arm bezeichnen kann. Ist das für Sie kein Abstieg?

          Das wird bestimmt von vielen so interpretiert werden. Aber als ich begann, die Brüsseler Oper aufzubauen, war die Lage auch nicht anders. Wie viel Geld mir in New York zur Verfügung steht, wird vom Fundraising abhängen. Und im Gegensatz zu vielen Europäern habe ich eine ungeheure Lust, da mal meine Chancen auszuprobieren. Was immer wieder behauptet wird, nämlich dass es so schwierig sei, Geld in New York aufzutreiben, wird zum Teil schon stimmen. Aber ich finde es einfach spannend, eine Gemeinde für ein Projekt zu begeistern.

          Die europäischen Subventionen werden Sie nicht vermissen?

          Außer in Frankreich, das gebe ich zu, fließen auch in Europa die Subventionen nicht mehr so üppig. New York hat den Vorzug, dass man nicht mit immer wieder wechselnden Politikern zu tun hat, sondern mit Persönlichkeiten. Man kann sie für eine Vision gewinnen, und es können dabei wirkliche Freundschaften entstehen.

          Woher nehmen Sie die Zuversicht?

          In den vergangenen Monaten habe ich die großen Sponsoren der New York City Opera kennengelernt, von denen die meisten mindestens eine halbe Million Dollar im Jahr stiften. So langsam konnte ich sie für mein Projekt begeistern und gemeinsam mit ihnen beschließen, das Budget zu erhöhen. Es ist nicht in Stein gemeißelt, dass die Metropolitan Opera hundertzwanzig Millionen Dollar an Fundraising auftreiben kann und die New York City Opera nur fünfzehn Millionen. Mein Ziel ist, diese fünfzehn in den kommenden zwei Jahren zu verdoppeln, und das wird auch nötig sein für das Programm, das mir vorschwebt.

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