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Christa Ludwig zum Neunzigsten : Meine Angst vor dem A

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MIt leichtem Herzen und leichten Händen: Die Mezzosopranistin Christa Ludwig hat ihren stimmlichen Personalausweis immer bei sich. Bild: Picture-Alliance

Egal, ob mit Leonard Bernstein oder Herbert von Karajan – jede Zusammenarbeit mit einem Dirigenten ist eine erotisch-elektrische Angelegenheit. Christa Ludwig wird an diesem Freitag neunzig Jahre alt. Ein Gespräch.

          Nach dem Abschied von der Bühne wurde Guillaume Ibos, der Werther der französischen Erstaufführung von Jules Massenets Oper, scherzhaft gefragt, dass er doch wohl nicht mehr singe. „Aber natürlich doch“, erwiderte er, jeden Tag und immer besser. Aber nur inwendig.“ Sie haben, Frau Ludwig, fast fünfzig Jahre auf Bühne und Podium gestanden. Singen Sie auch weiter inwendig?

          Überhaupt nicht. Ich war froh, habe es genossen, aufhören zu können. In den letzten Jahren meiner Laufbahn habe ich mich angestrengt, das zu singen, was ich noch konnte. Auf gar keinen Fall möchte ich mit mir in Konkurrenz treten.

          Stimmen werden oft als Göttergeschenk bezeichnet. Ist eine besondere Stimme nicht auch ein Danaer-Geschenk?

          Sie mögen es als Geschenk vom Himmel ansehen oder als eines der Gene. Aber man muss es als Verpflichtung ansehen. Dass man etwas mit der Gabe einer Stimme tun muss, hat mir meine Mutter immer wieder gesagt. Bei mir kam hinzu, dass wir nach dem Krieg nichts mehr hatten, ich musste mit der Stimme Geld verdienen.

          Ihr Vater war Theatermann, Ihre Mutter Sängerin. War das für Sie wichtig oder eine Vorbereitung auf den Beruf?

          Meine Mutter hat mit vor allem beigebracht, dass Theater nicht alles ist. Das habe ich durch das Leben meines Vaters begriffen. Als er nicht mehr fürs Theater arbeiten konnte, blieb ihm nichts mehr. Da war er der unglücklichste Mensch der Welt. Leonie Rysanek hat mir mal gesagt: „Wenn ich nicht mehr singen kann, häng ich mich auf.“ Davor hat mich meine Mutter gewarnt: „Du hast das Talent, und du musst es nutzen. Aber du musst immer auch etwas anderes haben.“

          Talent ist das eine, aber ...

          Das Talent ist angeboren, die Technik muss man lernen. Anfangs sind mir alle hohen Töne weggekracht. Für jeden halben Ton hab ich ein ganzes Jahr gebraucht. Ich hab mit siebzehn angefangen. Als ich zehn Jahre später nach Wien kam, hatte ich immer noch Angst vor den hohen As des „Rosenkavaliers“.

          Worein setzt man dann sein Vertrauen?

          In die Arbeit, die über Hürden führt, und in das Timbre. Das Timbre ist der stimmliche Personalausweis. Aber auch am Timbre muss man arbeiten, um Farben zu finden für die Emotionen.

          Gab es für Sie Vorbilder?

          Ja, wenn auch erst später. Es war die jugoslawische Sopranistin Zinka Milanov. Sie war, nun, sagen wir mal: ein wenig auf der naiven Seite. Aber welch eine Stimme, nicht nur ein Geschenk, sondern auch technisch veredelt. Und sie war eine theaterkluge Frau. Sie hat mich immer gewarnt: „You push the voice.“

          Die Milanov war berühmt für ihre Pianissimi... olio d’oliva extra vergine.

          Sie müssen nur den Anfang von „Pace, pace“, der Arie der Leonora aus Verdis „La forza del destino“, hören. Die messa di voce

          Dietrich Fischer-Dieskau hat gesagt, ein Sänger brauche ein anomales Ausdrucksbedürfnis.

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