https://www.faz.net/-gqz-9rego

Interview mit Jordi Savall : „Beethoven hatte eine Obsession für Tempi“

  • -Aktualisiert am

Der Dirigent spielt Gambe: Jordi Savall Bild: Barak Norman

Beethovens Größe steckt im Detail: Ein Gespräch mit dem Dirigenten und Musiker Jordi Savall, der bis zum Ende des Beethoven-Jahres 2020 sämtliche Sinfonien des Komponisten aufführt und einspielt.

          3 Min.

          Bekannt wurde der katalanische Gambist Jordi Savall durch seine Beschäftigung mit Alter Musik aus Spanien bis zum Orient. Nun wendet er sich Beethoven zu: Bis zum Ende des Beethoven-Jahres 2020 wird er sämtliche Sinfonien des Komponisten aufführen und einspielen. Am Sonntag spielt er mit seinem Ensemble „Le Concert des Nations“ die Sinfonien Nr. 3 und Nr. 5 in der Alten Oper Frankfurt.

          Sie haben 1994 Ludwig van Beethovens „Eroica“ aufgenommen, es folgten bis heute 25 Jahre Sendepause, was Beethovens Sinfonien angeht.

          Ich habe damals für eine Tournee die große Sinfonie von Juan Crisóstomo de Arriaga mit der „Eroica“ kombiniert. Wir wollten eigentlich nur Arriaga aufnehmen, aber dann war ich vom Ergebnis in den Konzerten so begeistert, dass ich sagte, wir spielen auch die Beethoven-Sinfonie ein. Wir nahmen das Stück in einer Nachtsitzung auf, ganz zum Schluss, morgens um halb acht, als alle eigentlich völlig erschöpft waren, die „Marcia funebre“. Es war eine unglaublich intensive Atmosphäre.

          Und dann fehlte das Geld für die weiteren Sinfonien?

          Für ein schönes Resultat braucht man Zeit. Proben heißt ja auch probieren: Man muss der Musik die Chance geben, uns zeigen zu können, wie sie gespielt sein möchte. Mit finanzieller Unterstützung unter anderem vom katalanischen Kultur-Departement und vom französischen Kulturministerium können wir uns jetzt intensive Proben leisten. Bei der Besetzung orientieren wir uns am Orchester der Beethoven-Zeit: rund fünfzig Musiker, Professionelle und solche, die ihr Studium gerade abgeschlossen haben.

          Es geht Ihnen auch um ein pädagogisches Projekt?

          Junge Musiker, die Alte Musik studieren, haben kaum Möglichkeit, Erfahrung zu sammeln so wie Studenten einer Orchesterakademie bei einem großen Sinfonieorchester. Und wir wollen die Vielfalt der europäischen Kultur betonen: Unsere Musiker kommen aus fünfzehn Ländern.

          Was für ein Beethoven erwartet uns bei Ihnen?

          Meine Herangehensweise wird anders sein, weil ich von der Musik Johann Sebastian Bachs oder Jean-Philippe Rameaus her zu Beethoven komme und nicht wie viele andere Dirigenten aus der entgegengesetzten Richtung: von Johannes Brahms oder Gustav Mahler. Aus dieser Perspektive könnte man ja leicht denken, Beethoven gehöre zum gleichen, spätromantischen Stil. Aber das stimmt nicht.

          Das gängige Beethoven-Bild wurde vor allem in der Romantik entwickelt.

          Dabei wurde vieles übertrieben. Der ideelle, philosophische Aspekt der Musik wurde überbetont. Für mich steht bei Beethovens Musik zuerst das kompositorische Detail im Vordergrund. Es gibt in den Sinfonien einen unglaublichen Reichtum an Details, die davon erzählen, was von der Alten Musik bei ihm noch anzutreffen ist: das inegale Spiel etwa oder eine differenzierte Artikulation, wie sie sich nur auf Darmsaiten gut verwirklichen lässt. Dann sieht man auch, was neu ist: die Benutzung von Bogenstrichen und eine vorher unübliche Artikulation mit Akzenten, heftigen Kontrasten, plötzlichen Dynamikwechseln. Oder das Verhältnis zu den Bläsern: Beethoven führte ein, dass Bläser und Streicher gleich stark vertreten sind. Hinzu kommen die Klangfarben der damaligen Instrumente. Die Naturtrompeten und -hörner haben Glanz, zerstören aber nicht den Gesamtklang. Um brillant zu sein, muss eine moderne Trompete so laut spielen, dass der Gesamtklang in Gefahr gerät.

          Auf welche Quellen greifen Sie zurück?

          Zunächst die Manuskripte und Handexemplare von Beethoven, aber auch das Stimmenmaterial von damaligen Aufführungen. Dort finden sich Varianten, die Beethoven offenbar für die Aufführung erstellt hat, danach aber vergaß, in die Partitur zu übertragen. Besonders was die Artikulation angeht, sind diese Originale aufschlussreich. Im zweiten Satz der zweiten Sinfonie verwendet Beethoven zum Beispiel den Bindebogen mit einem Punkt am Ende, also einen scharfen, fast betont abgezogenen Bogen. Das wird selten berücksichtigt, dabei handelt es sich um eine alte Artikulationsform. Im 17. Jahrhundert gibt es bei der Gambe einen Strich mit der Bezeichnung „tirer avec jeter à la fin“, der genau das meint.

          Wieso ging solches Wissen verloren?

          Jeder Fortschritt tötet etwas. Mit der Weiterentwicklung der Instrumente gingen charakteristische Klangfarben verloren, bestimmte Artikulationen waren auf den neuen Instrumenten nicht mehr möglich. Die modernen Metallsaiten bei den Streichinstrumenten sind zu hart und zu glatt, als dass sich eine differenzierte Artikulation verwirklichen ließe, wie sie Beethoven vorsah.

          Sie gehen davon aus, dass Beethovens schnelle Metronomangaben stimmen?

          Davon bin ich überzeugt. Das Tempo war für Beethoven eines der wichtigsten Elemente beim Musikmachen! Wenn ihm jemand erzählte, dass ein Stück von ihm aufgeführt worden sei, dann fragte Beethoven als Erstes: Wie waren die Tempi? Er hatte eine Obsession für Tempi. Deshalb hat er sie später genau notiert. Auf historischen Instrumenten sind diese Angaben gut umsetzbar. Gemeinsam mit dem genauen Studium der Artikulation sind Beethovens Tempoangaben für mich der Ausgangspunkt für die Interpretation.

          Sie kombinieren nun die dritte und die fünfte Sinfonie, zwei der gewichtigsten und populärsten Sinfonien.

          Die dritte ist eine Hommage an die Französische Revolution. Die fünfte Sinfonie aber auch. Man spricht immer von der „Schicksals-Sinfonie“. Aber nehmen wir das hymnische Fanfarenthema im zweiten Satz: Das hat etwas Militärisches, Revolutionäres! Ich habe Texte gefunden in Frankreich aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die die Revolution feiern und auf diese Musik von Beethoven gesungen wurden, ein Arrangement für vier Männerstimmen. Und der erste Satz: Das klingt doch, als würde ein revolutionäres Feuer um sich greifen, da bahnt sich ein Aufruhr an! In meinen Augen gehören beide Werke zusammen.

          Weitere Themen

          Der Stolz des Gießers

          Bronzeskulpturen in Florenz : Der Stolz des Gießers

          Graf Zahl der Medicis: Der Florentiner Palazzo Pitti zeigt in der Ausstellung „Plasmato dal Fuoco“ die Schönheit der Bronzeskulpturen unter den letzten Medici-Großherzögen. Und eine ganz besondere „Venus“.

          Mehr Blair fürs Volk

          Nach den britischen Wahlen : Mehr Blair fürs Volk

          Boris Johnson ist mit voller Wucht gegen die „rote Mauer“ des Labour-Herzlands gefahren und hat große Teile davon zum Einsturz gebracht. Warum fühlt man sich jetzt dennoch an einen früheren Labour-Premier erinnert?

          Topmeldungen

          Nach den britischen Wahlen : Mehr Blair fürs Volk

          Boris Johnson ist mit voller Wucht gegen die „rote Mauer“ des Labour-Herzlands gefahren und hat große Teile davon zum Einsturz gebracht. Warum fühlt man sich jetzt dennoch an einen früheren Labour-Premier erinnert?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.