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Aufnahme sämtlicher Symphonien : Haydns Musik möchte nicht schreien

  • -Aktualisiert am

„Mein Zugang zur Musik ist sehr bildhaft“, sagt der Dirigent Giovanni Antonini. Bild: Marco Borggreve

Bis 2032 will Giovanni Antonini sämtliche Symphonien von Joseph Haydn aufnehmen. Ein Gespräch über einen Kosmos aus Feuer, Witz, Melancholie und Treue zu Gott und Kaiser.

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          Herr Antonini, die Symphonien Joseph Haydns gleichen einem Kosmos menschlicher Leidenschaften und Gefühle. Es gibt so viele verschiedene Stilebenen. Was bedeuten sie Ihnen?

          Das ist ein Universum für mich. Die Entwicklung geht zu größeren Dimensionen. Haydn feilt von Anfang an, baut auf der Basis der frühen Symphonien auf. Dann gibt es diverse Richtungen. Etwa die „Sturm-und-Drang“-Symphonien mit viel Dramatik, die „Pariser“ und die „Londoner“. Die Form bleibt grundsätzlich ähnlich, nur geht sie ins Große. Haydn bringt Überraschungsmomente, Ironie, wie in der bekannten „Abschiedssymphonie“. Musikalische Details sind wichtig. Seine Persönlichkeit nimmt Haydn stets mit herein. Haydn liebt das Raffinierte. Nicht immer ist gleich verständlich, was der Komponist meint. Das macht das Hören seiner Musik mitunter schwierig. Beethoven hingegen komponierte für ein großes Publikum. Haydn lange für den kleinen Hörerkreis des Fürstenhofes Esterhazy. Neues wurde von ihm erwartet. Für einen Kreis von Kenner-Ohren. Dank der Isolation, so Haydns berühmte Worte, musste er original werden. Das Verhältnis zu seinen Musikern und zu seinen Zuhörern war ein sehr inniges. Fürst Nikolaus Esterházy war an allen Kunstformen seiner Zeit interessiert. Neben der bildenden Kunst und der Musik, er spielte selbst das der Gambe verwandte Baryton, begeisterte er sich für Theater und Oper; es gab sogar eine Marionettenbühne in der Residenz. Haydn komponierte dafür Balletteinlagen. Und natürlich schrieb er Opern. Einige Symphonien eröffneten Theaterstücke. Es gab Raum für Experimente nach der „Sturm-und-Drang“-Periode mit diversen Moll-Tonarten, entwickelte Haydn einen klassischen, ausgewogenen Stil.

          Nikolaus Harnoncourt sagte: „Haydn ist eine Granate“, im positiven Sinne. Wie halten Sie es mit dem Feuer bei Haydn?

          Das Feuer war Teil der musikalischen Charaktere im achtzehnten Jahrhundert. Man gebrauchte das Wort „Feuer“ oft und bezog es auf Haydns Musik. Feuer bedeutet: voller Leben, voller Freiheit, ein glückliches Lebensgefühl. Zwar erlebte Haydn noch das vorläufige Ende des Ancien Régime, war Zeuge der Besetzung Wiens durch Napoleon. Doch blieb Haydn dem Kaiser und dem herrschendem System gegenüber loyal. Haydn glaubte an Gott und Kirche. Man erwäge die bedeutende Stellung der Kirchenmusik bei ihm. Haydn war ein Mensch des achtzehnten Jahrhunderts, aber ohne aufklärerische Skepsis. Großartig ist, wie der Komponist in seiner Einleitung zum Oratorium „Die Schöpfung“ neue Töne anschlägt. Er erfindet neue symphonische Musik, die unerhört ist, die fast spätromantisch oder neutönerisch anmutet. Haydn war ein visionärer Symphoniker. Haydn war nicht im gesellschaftlichen Sinne revolutionär, sondern musikalisch.

          Das Presto von Haydns erster Symphonie schäumt los wie ein Springbrunnen. Inwieweit ist in der ersten Symphonie für Sie der ganze Haydn enthalten?

          Das ist treffend gesagt. Wie eine Initialzündung startet das Presto, als hätte es symbolische Bedeutung. Darin ist das „Mannheimer Crescendo“. Was in Haydns Händen anders klingt. Haydn kam aus einer Tradition, aus dem Barock. Dann schwingt der neue norddeutsche Stil mit, die Empfindsamkeit, die Haydn aus Carl Philipp Emanuel Bachs Klavierschule lernen konnte. Selbst Corelli ist wichtig. Für die Tageszeiten-Symphonien etwa, die das Concerto Grosso aufgreifen und modernisieren und Tonmalerei enthalten. Überhaupt war die italienische Musik in Österreich damals sehr präsent. Das war Haydns Basis.

          Humor und Witz sind typisch für Haydn, aber spielt nicht die Melancholie eine wichtige Rolle?

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