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Interview : „Ein ganz großes Ja zum Leben“

  • Aktualisiert am

„Enfant terrible” Schlingensief Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Am Wiener Burgtheater sucht er nach Antworten auf die großen Fragen: Christoph Schlingensief im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über sein neues Projekt „Area 7 - Matthäusexpedition“, das am Dienstag Premiere feiert.

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          Christoph Schlingensief sucht am Wiener Burgtheater nach Antworten auf die großen Fragen. Sein neues Projekt „Area 7 - Matthäusexpedition“ feiert am Dienstag dort Premiere.

          Über Sie weiß man viel - Apothekersohn, 1960 in Oberhausen geboren, katholisch...

          Und Provokateur natürlich, das ist immer ganz wichtig.

          Enfant terrible, absolut. Sie haben Filme gemacht, Theater, haben 2004 in Bayreuth den „Parsifal“ inszeniert. Ihre nächste Premiere ist am Wiener Burgtheater. Was passiert hier am Dienstag?

          Ursprünglich war eine Theaterinszenierung vorgesehen, mit dem Titel „Sadochrist Matthäus“. Aber daraus ist dann in meinem Kopf, schon seit dem „Parsifal“ eigentlich, die Idee entstanden, Film, Oper, Aktion und Theater zusammenzuführen. Das ist eigentlich gar kein Theater mehr.

          Was ist es dann?

          Eher eine Installation, die man begehen kann. Aber wenn man sagt, es ist Kunst, ist man schnell im Museum. Dabei ist es wichtig, daß es genau hier, im Burgtheater, stattfindet, weil der Raum extrem aufgeladen ist. Werner Krauss war hier als Jud Süß, Hitler hatte eine Loge, alles ist da, Max Reinhardt, Brandauer, aber auch Frau Müller, die Kassenfrau. Das Burgtheater ist ein Denkmal, der Raum überprüft mich, und nicht ich den Raum.

          Aber der Raum wäre genauso aufgeladen, wenn Sie hier ein normales Stück inszenieren würden. Was langweilt Sie am Theater?

          Das Monopol des Betrachters. Am Theater sehe ich größtenteils nur den interpretatorischen Gehalt, ich sehe aus einer Zentralperspektive das Bühnengeschehen - je nachdem wie schlecht mein Platz ist, sehe ich auch mal nur einen Hinterkopf. Da strengen sich Leute an, die so tun, als wären sie Hamlet, ein Regisseur hatte wahnsinnige Ideen, und alles ist ganz hochaktuell, und Maria Stuart ist jetzt Susanne Osthoff. Das hat mich eine Zeitlang auch interessiert, gebe ich zu. Aber ich habe mich immer gefragt: Wer betrachtet mal den Betrachter? Und jetzt habe ich einen Organismus geschaffen, der frißt, der sammelt, der wächst.

          Ich als Zuschauer habe im Theater immer Angst, daß sich der Scheinwerfer gleich auf mich richtet und ich zum Mitmachen gezwungen werde.

          Das verstehe ich total, ich habe auch ganz große Angst, ich gehe auch kaum ins Theater und wenn, dann sitze ich ganz hinten versteckt. Bei uns ist es wie ein Versuchsaufbau. Man kann sitzenbleiben. Man kann sich verstecken. Wir sprechen aber ganz klar die Empfehlung aus, die Reise zu wagen, rumzugehen, zu gucken.

          Ich beschreibe mal, was ich gesehen habe, als wir vorhin auf der Bühne waren: Das Geschehen findet nicht nur auf der Bühne statt, sondern auch im Zuschauerraum, es wächst da hinein, wächst hoch hinauf; es gibt vier Drehbühnen, lauter verschiedene Elemente, auf die Filme projiziert werden - Wellblechhütten, eine große Scheibe, auf der Elfriede Jelinek zu sehen ist, die den Text liest, den sie für dieses Projekt geschrieben hat, in der Mitte steht ein Schiff. Alles wirkt sehr assoziativ. Sie bringen 9/11 und Beuys zusammen, Odin und Wotan, Afrika und Island. Das Ganze wirkt ein bißchen, als wäre man im Kopf von Christoph Schlingensief.

          Der Text von der Jelinek ist ein Redefluß, eine Litanei, die immer wieder Assoziationen rausspuckt. Das ist, als würde man eine Tageszeitung ohne Punkt und Komma drucken und dann durch einen Zufallsgenerator schicken. Es ist aber auch noch mehr, weil ein obsessives Herz darin pocht. In der bildenden Kunst, mit der ich seit zwei Jahren mehr zu tun habe, gibt es Leute, die ausschließlich ihre Fußnägel verfilmen. Da geht es nur um den Künstler und seinen Popel an der Wand. Das kommt mir fremd vor. Aber ich glaube, daß bei mir viele Elemente drin sind, die einem bekannt vorkommen könnten. Der Katzenkopf vom Schrödinger. Oder der Beuys. Oder Dieter Roth, der ja oft eine andere Zeiteinheit in seiner Kunst hat, und Melancholie. So eine Form von Tragik oder auch Depression, die in den Beschreibungen meiner Person oft völlig ausgespart ist, dabei aber eine ganz starke Hauptader ist.

          Es wirken mit Irm Hermann, die Fassbinder-Ikone, Robert Stadlober, Patti Smith. Wie kommen die zu Ihnen?

          Patti Smith habe ich bei der Premierenfeier von „Parsifal“ kennengelernt. Ich kam etwas später, und jemand sagte, Patti Smith ist da, ich hab' gar nicht richtig reagiert, und dann sah ich sie irgendwann. Die langen grauen Haare, die ziselierte Figur - da hab' ich entschieden, oh, das ist sie ja wirklich. Es war der Abend, an dem ein paar Jahre zuvor ihr Vater gestorben war, und sie hatte einen Trauerflor um den Arm, den machte sie ab und schenkte ihn mir. Dann haben wir Mailadressen ausgetauscht.

          Im Sommer haben Sie in Namibia einen Film gedreht, „African Twin Towers“, da war sie auch mit dabei.

          Ja, ich hab' nicht geglaubt, daß sie kommt, aber dann war sie plötzlich da. Und jetzt grüßt sie auch mal von Bob Dylan, der weiß auch schon von uns. Irm Hermann habe ich 1987 kennengelernt, als ich mit ihr ein kleines Fernsehspiel fürs ZDF gedreht habe. Sie leidet hier Höllenqualen, weil sie keinen Text hat. Also, sie hat zwar Text, aber vielleicht wird sie auch einfach nur rumsitzen. Sie hat für mich an dem Abend eine Parallele zum auf Frau geschminkten Andy Warhol.

          Sie haben sich oft Themen gesucht, an die sich sonst keiner rantraute - Asylbewerber, Arbeitslose, Behinderte, Neonazis. Gibt es hier auch ein Thema, ist es Religion?

          Ich hab' das Gefühl, auch wenn das alles sehr voll wirkt, daß ich versuche zu entrümpeln. Die Illusionen, die man mit sich rumschleppt, um dann im Notfall mit ihnen etwas zu legitimieren. Das Vaterunser genauso wie das Wippen vor der Klagemauer.

          Das wollen Sie relativieren?

          Nein, ich bin dem nur auf der Spur. Die Welt ist so gewalttätig wie vor zehn Jahren, aber wir sind immunisiert. Mein Gott, was waren wir damals noch aufgeregt, wenn jemand was gesagt hat. Heute kann man ja stundenlang reden, und es ist doch völlig egal. Ich bin für klare Verhältnisse. Früher habe ich oft den Satz gehört: Das ist so scheiße, daß es schon wieder gut ist. Das ist eine Unverschämtheit. Es gibt ganz klare Ansagen, und es gibt klare Verhältnisse, und ich will eine Klärung haben, was das Universum macht.

          Und der versuchen Sie, mit diesem Projekt näherzukommen?

          Das kann man als Denkmaschine sehen oder als Komposition, die aus den Elementen meiner bisherigen Arbeit besteht und die sicher auch mit einer Spur Größenwahn daherkommt.

          Ist Ihre Arbeit wie die Welt außenherum auch ein bißchen unpolitischer als früher?

          Im Sinne des von der Gesellschaft akzeptiert Politischen ja. In meinen Augen ist es sogar wesentlich politischer, weil es viel mehr um die Frage nach Entscheidung geht. Was entscheide ich in meinem Leben. Wenn das nicht politisch ist.

          Würden Sie sagen, die Erfahrung in Bayreuth hat Ihre Arbeit verändert?

          Ich war davor sehr oft zu schnell, ja. Ich hab' mich sehr schnell berufen gefühlt, hierzu oder dazu etwas zu machen, und mich zu sehr um das Bild zum Text oder zum Film gekümmert. Jetzt wachsen die Bilder aus sich selber. Und sind aber nicht die Verfilmung meiner Zehennägel.

          Die Ergebnisse sind weniger eindeutig.

          Ich habe mittlerweile folgendes herausgefunden: Ich kann komponieren, ich kann Dinge bewegen, ich nehme Kräfte auf, aber ich werde auch gerne bewegt. Und das geschieht nicht, wenn ich hingehe und sage, ich bin der Betonklotz und ich sage jetzt mal, wie's läuft.

          Manchmal hatte ich bei Ihren Arbeiten den Eindruck, daß Sie ganz klar beginnen und sich dann gegen Ende hin etwas verzetteln, vom Hundertsten ins Tausendste kommen, daß sich irgendwie die Form verliert. Ist das Absicht, oder würden Sie sagen, das ist eine Schwäche?

          Vielleicht ist das meine Liebe zur Quantentheorie. Das Universum teilt sich gerne, und ich gehe davon aus, daß vieles parallel existiert. Ich schildere Zustände und Kräfte und keine pädagogischen Sachverhalte, die ich zu Ende führen will. So war das auch jetzt mit dem Film in Afrika. Ich wollte ihn eigentlich mit der „Götterdämmerung“ enden lassen. Ich hatte alles vorbereitet, Patti Smith rannte durch die Wüste, es waren nur noch wenige Minuten bis zum Sonnenuntergang. Ich schalte die Kameras ein, die Sonne geht fast unter, und in dem Moment, wo ich enden will, fängt der erste schwebende Ton vom „Rheingold“ an. Da, wo eigentlich Schluß sein soll, fängt es also wieder an.

          Sie sollen 300 Stunden Material gedreht haben.

          Ein Riesenfehler. Einen Teil werde ich sicher vergraben. Aber trotzdem war es sehr wichtig. Ich habe eine große Freiheit entwickelt mit dem Animatographen, dieser automatischen Schnittmaschine, diesem Kino der Zukunft, das wird weitergehen.

          Den Animatographen sollten wir vielleicht erklären. Sie waren damit in Island, Neuhardenberg, Namibia. Das ist eine Drehbühne, auf der Leinwände, Flächen sind, auf die Filme projiziert werden. Der Betrachter tritt hinein und wird damit Teil der Projektion. Er sieht Bilder, Bilder sehen ihn. So ungefähr?

          Ich drehe mich im Kreis, und die Filme kommen und schneiden sich selber, der Raum wird zur Zeit, die Zeit zum Raum. Wie gesagt, das ist ein Prozeß. Ich habe Zeit. Ich bin nicht am Ende klar, wie Sie das vielleicht jetzt vermissen.

          2000 haben Sie für irrsinnigen Wirbel gesorgt, als Sie in Wien einen Container aufstellten, in dem Asylbewerber lebten wie in der „Big Brother“-Show. Der Gewinner könnte bleiben, alle anderen würden abgeschoben, hieß es. Das war sehr klar.

          Aber ich habe weder die politische Situation in Österreich verändert noch einem Asylbewerber die Aufenthaltsgenehmigung verlängert. Ich habe letzten Endes einen schnellen Brüter entwickelt, der auch mich überrannt hat. Da waren nur alle so unendlich glücklich, weil das so ein „gerechtes“ Unternehmen war. Der böse Haider und der blöde Schüssel, und „Theater heute“ war aus dem Häuschen, und der Christoph ist so toll. Danach sehnt man sich, aber so etwas passiert nicht oft, und man kann doch nicht von mir verlangen, daß ich das am Fließband produziere. Bei mir ist oft ein ganz konkreter Anlaß der Aufhänger, und dann setzt das Leben, die Bewegung, die Verwandlung und Transformation ein. Das ist kein Freibrief, alles zu machen, aber ich will einen Schritt weiterkommen.

          Und dafür suchen Sie gerade nach einer neuen Form?

          Vielleicht sind der Animatograph und ich zwei malende Komponisten. Im Moment sehe ich mich so. Und so bin ich frei. Was ich mache, hat mit Kunst zu tun, mit Theatralik, Theater, gleichzeitig der Öffnung und Erweiterung von Theater. Das Thema ist Unerlösbarkeit. Und das beantwortet vielleicht auch die Frage, warum das alles so konfus ist. Warum da kein schöner Schluß gefunden wurde. Ich habe das gute Gefühl, es gibt keine Erlösbarkeit. Das ist für mich nicht fatalistisch, das ist ein ganz großes Ja zum Leben.

          Christoph Schlingensiefs neues Projekt „Area 7 - Matthäusexpedition“ ist vom 17. bis 22. Januar am Burgtheater zu sehen.

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