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Interview : „Ein ganz großes Ja zum Leben“

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Vielleicht ist das meine Liebe zur Quantentheorie. Das Universum teilt sich gerne, und ich gehe davon aus, daß vieles parallel existiert. Ich schildere Zustände und Kräfte und keine pädagogischen Sachverhalte, die ich zu Ende führen will. So war das auch jetzt mit dem Film in Afrika. Ich wollte ihn eigentlich mit der „Götterdämmerung“ enden lassen. Ich hatte alles vorbereitet, Patti Smith rannte durch die Wüste, es waren nur noch wenige Minuten bis zum Sonnenuntergang. Ich schalte die Kameras ein, die Sonne geht fast unter, und in dem Moment, wo ich enden will, fängt der erste schwebende Ton vom „Rheingold“ an. Da, wo eigentlich Schluß sein soll, fängt es also wieder an.

Sie sollen 300 Stunden Material gedreht haben.

Ein Riesenfehler. Einen Teil werde ich sicher vergraben. Aber trotzdem war es sehr wichtig. Ich habe eine große Freiheit entwickelt mit dem Animatographen, dieser automatischen Schnittmaschine, diesem Kino der Zukunft, das wird weitergehen.

Den Animatographen sollten wir vielleicht erklären. Sie waren damit in Island, Neuhardenberg, Namibia. Das ist eine Drehbühne, auf der Leinwände, Flächen sind, auf die Filme projiziert werden. Der Betrachter tritt hinein und wird damit Teil der Projektion. Er sieht Bilder, Bilder sehen ihn. So ungefähr?

Ich drehe mich im Kreis, und die Filme kommen und schneiden sich selber, der Raum wird zur Zeit, die Zeit zum Raum. Wie gesagt, das ist ein Prozeß. Ich habe Zeit. Ich bin nicht am Ende klar, wie Sie das vielleicht jetzt vermissen.

2000 haben Sie für irrsinnigen Wirbel gesorgt, als Sie in Wien einen Container aufstellten, in dem Asylbewerber lebten wie in der „Big Brother“-Show. Der Gewinner könnte bleiben, alle anderen würden abgeschoben, hieß es. Das war sehr klar.

Aber ich habe weder die politische Situation in Österreich verändert noch einem Asylbewerber die Aufenthaltsgenehmigung verlängert. Ich habe letzten Endes einen schnellen Brüter entwickelt, der auch mich überrannt hat. Da waren nur alle so unendlich glücklich, weil das so ein „gerechtes“ Unternehmen war. Der böse Haider und der blöde Schüssel, und „Theater heute“ war aus dem Häuschen, und der Christoph ist so toll. Danach sehnt man sich, aber so etwas passiert nicht oft, und man kann doch nicht von mir verlangen, daß ich das am Fließband produziere. Bei mir ist oft ein ganz konkreter Anlaß der Aufhänger, und dann setzt das Leben, die Bewegung, die Verwandlung und Transformation ein. Das ist kein Freibrief, alles zu machen, aber ich will einen Schritt weiterkommen.

Und dafür suchen Sie gerade nach einer neuen Form?

Vielleicht sind der Animatograph und ich zwei malende Komponisten. Im Moment sehe ich mich so. Und so bin ich frei. Was ich mache, hat mit Kunst zu tun, mit Theatralik, Theater, gleichzeitig der Öffnung und Erweiterung von Theater. Das Thema ist Unerlösbarkeit. Und das beantwortet vielleicht auch die Frage, warum das alles so konfus ist. Warum da kein schöner Schluß gefunden wurde. Ich habe das gute Gefühl, es gibt keine Erlösbarkeit. Das ist für mich nicht fatalistisch, das ist ein ganz großes Ja zum Leben.

Christoph Schlingensiefs neues Projekt „Area 7 - Matthäusexpedition“ ist vom 17. bis 22. Januar am Burgtheater zu sehen.

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