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New Jazz Festival in Moers : Stepptanz auf Effektgeräten

  • -Aktualisiert am

Ein Fest der Gitarre – und anderer Saiteninstrumente: Robel Solomon vom äthiopischen Ensemble Fendika am Bass Krar Bild: Andre Symann / Festival

Beim 50. Internationalen New Jazz Festival in Moers kam ein Lebensgefühl auf, das schmerzlich vermisst wird. Als stilprägend zeigte sich eine Art Free-Noise-Improvisation, die stark aus den Experimenten der Neuen Musik schöpft.

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          Wickelrock und Jesuslatschen, Energiebällchen und Bongos – schon das 1. Internationale New Jazz Festival Moers im Juni 1972 verkörperte ein Lebensgefühl. Im Geist der Hippie-Bewegung ging es darum, ein Musikfestival als Erkundungs- und Möglichkeitsraum zu etablieren. Der Free Jazz mit seiner konsequenten Verweigerung des Mainstreams erschien als Vision einer Gegenöffentlichkeit, als klanggewordene ‚Kultur von unten‘. Wobei ‚free‘ mehr meinte als freie Improvisation: Veranstaltern wie Besuchern war es ein Bewusstseinszustand. Man träumte den Traum vom „permanenten ästhetischen Umsturz“ (Herbert Marcuse) nirgendwo so konsequent wie in der Stadt am Niederrhein, am Rande des Ruhrgebiets.

          Entstanden aus dem Kulturprojekt „Die Röhre“, sollte Anfang der Siebziger ein jährliches Festival im Moerser Schlosspark die freien Spielformen des Jazz für eine breitere Öffentlichkeit attraktiv machen und gelingende Gegenkultur dokumentieren. Den Auftakt machte damals der Saxophon-Berserker Peter Brötzmann aus Wuppertal, der gleich seine Freunde aus Europa und Amerika dazulud. In den Folgejahren kamen dann wirklich alle Wortführer der internationalen New-Jazz-Szene nach Moers, der DDR-Jazz erhielt hier früh eine Bühne, und Gäste aus Japan oder Afrika signalisierten den weltmusikalischen Anteil am zeitgenössischen Jazz.

          Trommeln waren sehr gefragt

          Neben den Konzerten waren es von Anfang an auch die Camper im Freizeitpark, die für das spezifische „Moers-Gefühl“ standen. In einer Zeltstadt neben dem Festivalgelände praktizierten sie ihre eigenen Musikrituale – Trommeln waren sehr gefragt –, um die Trennung zwischen Zuschauern und Künstlern symbolisch zu überwinden. Für den Festivalinitiator und ersten künstlerischen Leiter Burkhard Hennen war dieses „Miteinander der Freunde und Fans“ das eigentliche Markenzeichen des Moers-Festivals.

          Die Blütenträume der Hippies mit ihren Freiheits- und Friedensutopien sind längst verblasst, der Moerser Schlosshof ist inzwischen ebenso für das Festival gesperrt wie der Freizeitpark für das Sozialexperiment eines kostenlosen Campings und Kleinhandels. Und Burkhard Hennen trat nach endlosen Querelen mit der Moerser Stadtverwaltung im Jahr 2005 als Festivalleiter zurück. Kein Wunder, dass so ein im Kern nicht kommerzielles Festival immer wieder im Stadtrat zur Disposition stand. Zuschüsse wurden gekürzt, Genehmigungen entzogen, programmatische Änderungen verlangt. Doch es ging immer weiter. Inzwischen verantwortet der Moerser Musiker Tim Isfort – nach einem zehnjährigen Zwischenspiel von Reiner Michalke – seit 2016 als künstlerischer Leiter das Festival. Und noch immer verfolgt er eine Strategie der „kreativen Unterwanderung“.

          Jazz, Weltmusik, Klassik, Neue Musik, Hip-Hop, Soul, Funk, Techno, Avantgarde-Rock – die programmatische Vielfalt will alle Genre-Barrieren überwinden, stilistischer Enge globale Gemeinschaftlichkeit entgegenstellen. Erfindungsreichtum war diesmal besonders gefragt, denn ein viertägiges Festival mit sechsunddreißig Gruppen unter aktuellen Reglements zu stemmen, grenzte schon fast an ein Wunder. Trotz kurzfristig erteilter Erlaubnis für eine begrenzte Anzahl von Open-Air-Auftritten mit begrenzter Zuschauerzahl blieb auch beim Jubiläumsfestival das digitale Erlebnis via Livestream des Senders „Arte“ notgedrungen erste Wahl. Mit seinem Heavy-Minimal-Mahlstrom erzeugte das französische Kollektiv „La Tène“ gleich zum Auftakt eine beunruhigende Sogwirkung. Die Sounds von elektronisch manipulierten Dudelsäcken sorgten für schwerblütige Düsternis. Wesentlich heller wurde es dann mit der „Großen Kleinen Allee Band“. Das dreizehnköpfige Ensemble um die Saxophonistin Angelika Niescier versammelte in einer vielschichtigen Spontan-Komposition beinahe alle „Improviser in Residence“, die alljährlich mit ihren Auftritten in der Innenstadt, aber auch an Schulen, in Galerien, Kneipen oder Kirchen produktiv verunsichern.

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