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Musik in der Ostukraine : Auf russische Künstler zuzugehen kostet Überwindung

  • -Aktualisiert am

Gesegnet durch Mozart: Die Sopranistin Tetiana Zhuravel und der Dirigent Vitali Alekseenok Bild: Alexey Kovalev

Ein internationales Konzertprojekt bringt Musiker aus postsowjetischen Ländern in die Ostukraine: „Music and Dialogue“ soll nicht nur dabei helfen, Sprachbarrieren zu überwinden.

          „Im Krieg geht es immer um Kultur“, erklärt die Kiewer Sopranistin Tetiana Zhuravel, die diese östliche Grenzregion ihres Landes zum ersten Mal besucht. Zhuravel ist ein aufgehender Stern am Himmel der zeitgenössischen Oper, weshalb ihre Karriere sich überwiegend im westlichen Europa abspielt. In der ukrainischen Heimat singt sie Mozart und beteiligt sich an Spezialprojekten wie der Konzertreihe „Music and Dialogue“, die in unmittelbarer Nähe des Kriegsgebiets um die von Russland unterstützten „Volksrepubliken“ im freien Teil des Luhansker Gebiets siebzig junge Musiker aus der Ukraine, Deutschland, aber auch aus Russland und anderen postsowjetischen Ländern zusammenbringt, weshalb sie zum wiederholten Mal vom Auswärtigen Amt gefördert wird.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wie viele ukrainische Intellektuelle ist Tetiana Zhuravel unglücklich, dass ihr neuer Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj in dem eingefrorenen Krieg gegenüber Russland einknickt, wie sie es wahrnimmt. Als wir uns nach ihrem Auftritt in dem Städtchen Nowopskow unterhalten, lobt sie den abgewählten Petro Poroschenko, der auf die Armee und die ukrainische Sprache setzte und das Land von russischen Film- und Theaterimporten abgeschirmt habe. Die Sängerin ist russischsprachig aufgewachsen und hat sich nach der bewaffneten Intervention Russlands in ihrem Land bewusst aufs Ukrainische umgestellt.

          Amüsierbedürfnis und Denkfaulheit

          Der russischsprachige Selenskyj, der durch seine Satiresendung „95-Kvartal“ populär wurde – bei der er sich übrigens oft über Ukrainer lustig gemacht und sie so erniedrigt habe, wie Zhuravel klagt –, könne durch eine Kurskorrektur das Land auch kulturell wieder in koloniale Abhängigkeit vom aggressiven Nachbarn bringen. Wir brauchen in diesem Konflikt aber den Sieg, entringt es sich der zarten Sängerin, die zu weinen beginnt.

          Der gleichen Ansicht ist der Regisseur des Theaters der Gebietshauptstadt Sewerodonezk, Yevhen Merzliakov, in dessen Haus die Proben und das Hauptkonzert stattfinden. Wie der größte Teil der Theaterbelegschaft stammt Merzliakov aus dem besetzten Luhansk. Auch er wuchs russischsprachig auf, musste nach der Installation der „Volksrepublik“ vor fünf Jahren fliehen und hat aufs Ukrainische umgeschaltet. Merzliakov ist regelrecht wütend auf die Mehrheit seiner Landsleute. Selenskyj sei an die Macht gekommen, weil er mit seinen billigen politischen Witzen im Fernsehen das Amüsierbedürfnis und die Denkfaulheit der Leute bediente, wettert der temperamentvolle Künstler, als wir gemeinsam durch die Stadt spazieren. Wie Tetiana Zhuravel fürchtet er eine russische Revanche.

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