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Orgelwoche Nürnberg : Hier singt der Minister noch selbst

Marie-Claire Bär-Le Corre (links) tanzt, Katharina Bäuml spielt dazu die Schalmei. Bild: ION/Thomas Radlwimmer

Die Sehnsucht nach Nähe ist in Zeiten der Distanz groß. Die Internationale Orgelwoche Nürnberg antwortet darauf mit geistlicher Musik.

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          So wie Mozart alle Geheimnisse der Verführung kannte, wusste Johannes Brahms um jene des Trostes. Trösten heißt: Gemeinschaft herstellen im Verlust – und Sicherheit schenken, wo eine Welt zusammengebrochen ist. Seine Variationen für Klavier in D-Dur op. 21 Nr. 1 leuchten mit einem Licht, das die Vernunft nicht fasst. Die ihnen eigene Wärme hat etwas Wehrhaftes nach außen und etwas Bergendes nach innen. Markus Becker setzt sie frei an diesem Sommerabend in der Sebalduskirche zu Nürnberg, durch ein Spiel, in dem Kraft und Zartheit untrennbar sind.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Brahms verankert den Trost in der Geschichte: Die weise Welt-Akzeptanz des späten Beethoven spricht aus dieser Musik ebenso wie die beglückende Kosmologie Johann Sebastian Bachs. Und die Gnaden-Coda am Ende, mit ihrem Orgelpunkt und der Quintfallsequenz, ist eine Einladung, sich fallen zu lassen wie in die Hand Gottes. Nicht ohne Grund steht diese Musik von Brahms an diesem vierstündigen Konzertabend am Ende der Einsamkeitsgesänge, kurz vor den Trostgesängen. Denn sie ist beides zugleich.

          „Nah bei dir“ hat Moritz Puschke diesen Eröffnungsabend der 69. Internationalen Orgelwoche Nürnberg (ION) genannt. Das Programm ist eine Art Playlist in Zeiten der Isolation. Und sie verfährt im Großen wie Brahms im Kleinen: Trost durch Verankerung aktueller Erfahrung in der Tiefe der Geschichte. Viola Blache singt Johann Philipp Kriegers frühbarockes Lied „Einsamkeit, du Qual der Herzen“; die Schalmei-Virtuosin Katharina Bäuml biegt mit der Capella de la Torre die Klänge der „Pavane de Spaigne“ von Michael Praetorius so anmutig wie Marie-Claire Bär-Le Corre ihre Füße beim gleichzeitigen Tanz. Schließlich stimmt das meisterhaft singende Ensemble Continuum Auszüge aus Johann Sebastian Bachs Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ an, durch deren Chor „Sei nun wieder zufrieden“ sich einer der ganz großen, durch den Dreißigjährigen Krieg seelisch vernarbten Choräle zieht: „Wer nur den lieben Gott lässt walten“.

          Es ist ein Aufatmen, dass hier gesungen wird: für viele der erste Auftritt nach vier Monaten Zwangspause. Und dieses Programm ist nur Ersatz, weil das ursprüngliche sich nicht verwirklichen ließ. Das Konzert wird als Live-Stream in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt. Lediglich ein paar Beobachter sind zugelassen.

          Festivalleiter Moritz Puschke
          Festivalleiter Moritz Puschke : Bild: ION/Thomas Radlwimmer

          Moritz Puschke leitet die ION seit zwei Jahren. „Ich bin ein Mann der Kirche“, sagt er, „mein Vater ist Pfarrer. Ich hab ein Interesse daran, Menschen zusammenzubringen, und schrecke überhaupt nicht zurück vor den großen Oratorien.“ Aber ihm liegt auch viel daran, bei jedem Einzelnen durch Musik – die geistliche zumal – eine Lebensnähe herzustellen, wie sie viele nur mit dem Pop verbinden. Gerade deshalb gehört der Song „Close to you“ – nah bei dir – von den Carpenters zum Programm.

          Der geistlichen Musik hat sich die ION seit 1951 verschrieben, und Puschke traut ihr viel zu: „Obwohl so viele Menschen – coronabedingt noch mehr – aus der Kirche austreten, gibt es eine Sehnsucht nach Einkehr, nach Ruhe, nach sinnstiftenden Gemeinschaftserlebnissen. Ich habe manchmal meine Zweifel an Gott und an der Kirche, aber der Kirchenraum bleibt ein Ort der Einkehr, der Tröstung, der Zuversicht und der Hoffnung. Von dort etwas mit herausnehmen zu können, was mich trägt, das ist in unserer Gesellschaft der Vereinzelung hoch relevant.“

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