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Intendantin Andrea Palent geht : Jede Festivalausgabe ist wie eine eigene Dissertation

Andrea Palent mit Antonello Manacorda, dem künstlerischen Leiter der Kammerakademie Potsdam. Bild: dpa

Auch Berlin hat gemerkt, was da alles geboten wurde: Nach achtundzwanzig Jahren endet die glückliche Zeit von Andrea Palent als Intendantin der Musikfestspiele Potsdam.

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          Von Potsdam bis nach Sizilien sind es fünfzig Minuten. An der Langen Brücke besteigt man das Schiff, dann geht es die Havel abwärts durch den Templiner See. Die Sonne zieht Wasser: Durch die Schlitze schwarzgrauer Wolken gleißt das Licht. Doch das Gewitter bleibt aus. Nach der Enge des Caputher Gemündes weitet sich die Havel jäh zum Schwielowsee. Steuerbord tritt die Silhouette eines neugotischen Schlosses aus den Bäumen: Petzow. Da wollen wir hin. Petzow ist Sizilien, nicht ganz Petzow, aber die Kirche, die Karl Friedrich Schinkel auf den Hügel gestellt hat, neoromanisch mit normannischem Einschlag, vom Bootssteg aus über eine Lindenallee erreichbar.

          Jan Brachmann
          (jbm.), Feuilleton

          Diese „Schiffsreise nach Sizilien“, in der die Bewegung durch die Landschaft schon zum Vorspiel der Kunst wird, gehört dieses Jahr zum Programm der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci. Europa ist – noch bis zum Johannistag – das Thema dieser Saison, ganz entwickelt aus dem Bildprogramm in Preußens Schlössern, wo der Mythos vom Raub der schönen Phönizierin Europa durch den Stier des Zeus eine Rolle spielt, entwickelt aber auch aus den Gartenlandschaften und der Architektur in und um Preußens Residenz, die Italienisches und Französisches, Englisches und Norwegisches, Holländisches und Russisches versammeln.

          Eine Stimme für die rissige Erde Siziliens

          In der Kirche von Petzow stößt Marco Ambrosini vom Ensemble Oni Wytars ins Muschelhorn. Gabriella Aiello fängt an zu singen und gibt der sonnengegerbten, rissigen Erde Siziliens als dem Ort des Wartens ängstlicher Frauen eine Stimme: „Herr, lass das Wetter günstig sein für meinen Geliebten da draußen auf dem Meer“ – ein altes Lied aus der Volksliedsammlung von Alberto Favara. Um den Stauferkaiser Friedrich II., König von Sizilien im dreizehnten Jahrhundert, geht es hier, einen Christen, der Juden und Muslimen freie Religionsausübung gestattete, sich eine Leibgarde aus arabischen Bogenschützen hielt, zum Kreuzzug nach Jerusalem aufbrach und seine syrische Geliebte in Versen verewigte.

          Schon rein vokal stößt man bei diesem Konzert auf einen innereuropäischen Exotismus, auf Musizierformen und Klangerzeugungstechniken, die in lokal umgrenzten Gemeinschaften bis heute existieren, aber weder von der akademischen Hochkultur noch von der Unterhaltungsindustrie kolonisiert werden konnten. Und man hört, im Zusammentreffen türkisch-arabischer Musik mit sizilianischen Tanzliedern, wie rissig die Ränder Europas sind. Wenn sich zu einem mediterranen Sonnengesang des dreizehnten Jahrhunderts die Maultrommel dazugesellt, dann ist ethnologisch – durch die Sonnenanbetung und das Instrument – sogar die Verbindung zu den Jakuten in Ostrussland hergestellt.

          Die Verbindung eines solchen Programms mit einem Ort, der durch Schinkels Architektur einen Bezug zum mittelalterlichen Sizilien herstellt, ist eine Spezialität der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci. Andrea Palent, seit achtundzwanzig Jahren Intendantin des Festivals, sagt, sie sei jetzt programmatisch da, wo sie immer hinwollte. So habe sie sich, als sie Anfang dreißig war und sich über die damaligen Parkfestspiele in Potsdam öffentlich und laut geärgert hatte, die Musikfestspiele immer vorgestellt.

          Intellektuelles Bespaßungsprogramm für abgestumpfte Narzissten

          Jetzt, als Mittsechzigerin, hört sie auf. Mehr Zeit für die Familie müsse wieder sein. Das jüngste Enkelkind, gerade geboren, konnte sie noch gar nicht sehen. Ihr Mann würde gern öfter mit ihr segeln gehen. Sie aber kommt zu nichts: „Jede Festivalausgabe ist wie eine eigene Dissertation.“ Palent, promovierte Musikwissenschaftlerin, hatte in Halle an der Ausgabe der Werke Georg Friedrich Händels mitgearbeitet. Philologie und Kulturgeschichte sind das Fundament, auf dem sie mit ihren hervorragenden Dramaturgen in Potsdam das Programm baut. „Konzertdesign“, das intellektuelle Bespaßungsprogramm für abgestumpfte Narzissten, interessiert sie nicht. „Das ist doch im Grunde elitär“, meint sie. Stattdessen will sie Überlieferung zum Sprechen bringen, sinnlich, volkstümlich, mit Fahrrad-, Kinder- und Freiluftkonzerten, aber durch sachbezogene Forschung vorbereitet.

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