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Interview Musikfest Frankfurt : Fremd ist er eingezogen

Bezüge zur Gegenwart herstellen: Stephan Pauly Bild: Frank Röth

Auf dem Musikfest Frankfurt werden verschiedene Versionen von Franz Schuberts „Winterreise“ dargeboten. Wir fragen Stephan Pauly, den Intendanten der Alten Oper Frankfurt: Was steckt dahinter?

          3 Min.

          Das Musikfest „Fremd bin ich...“ bietet vom 15. bis zum 30. September sieben verschiedene Versionen von Franz Schuberts Liederzyklus „Die Winterreise“: mit Klaviertrio, mit Orchester, mit Drehleier, mit Klavier, mit Tenor, mit Bariton, im Konzertsaal, in einer Industriehalle, szenisch, sogar in einer Jazz-Fassung. Welche Absicht steht dahinter?

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Absicht ist, dem Publikum die Gelegenheit zu geben, dem Stück mit ganz neuen Ohren zu begegnen. Wir spielen es in verschiedenen Versionen und in ungewohnten Kontexten, damit man dem Stück neu, frisch, jenseits bestehender Erwartungen gegenübertreten kann. Das Musikfest nähert sich ja seit Jahren schon jeweils ein und demselben Stück aus unterschiedlichen Perspektiven.

          Hat „Die Winterreise“ sich abgenutzt?

          Das glaube ich bei dem Stück nicht. „Die Winterreise“ hat solch eine innere Stärke und Traurigkeit, die sich gegen die Abnutzung wehren. Allerdings verfügt sie über einen sehr hohen Bekanntheitsgrad, zumindest einzelne Lieder haben viele Leute im Ohr. Und dieses Ohr stellt sich doch anders ein, wenn man die Kontexte ändert.

          Durch welche Vorurteile ist denn das Ohr verstellt, wenn es sich öffnen soll?

          Typischerweise wird „Die Winterreise“ wahrgenommen als Zyklus über eine verlorene Liebe, von der das lyrische Ich verschlüsselt, aber nachvollziehbar berichtet. Der Zyklus wird als romantisches Werk gehört und gelesen. Wir wollen dagegen anarbeiten und die politischen, gesellschaftlichen, sozialgeschichtlichen Aspekte dieses Zyklus hervorkehren.

          Wie das?

          Die verlorene Liebe, die im Text natürlich vorkommt, soll nicht noch einmal eigens thematisiert werden. Uns geht es vordringlich um den Befund, dass der Erzähler fremd ist im eigenen Dorf. Er gehört nicht mehr dazu. Dabei geht es nicht nur um die Frau. Denken Sie nur an das erste Lied: Er schleicht sich nachts ins Haus; und das Einzige, was er sich noch traut, ist, an das Zimmer seiner Geliebten einen Zettel zu hängen, auf dem steht „Gute Nacht“, damit sie sieht, dass er an sie gedacht hat. Er weiß: Ich darf hier nicht mehr rein. Und diese Situation des Ausgestoßenseins interessiert uns. Es geht darum, Bezüge zur Gegenwart herzustellen, auch zur Situation von geflüchteten Menschen, die nach Europa gekommen sind.

          Konzeptionell ist der Vergleich der sieben Versionen also dringend geboten. Wer hört sich so etwas an?

          Das ist eine wichtige Frage. Wenn wir das gut konzipiert haben, muss beides funktionieren: das ganze Festival und der einzelne Abend. Natürlich wünscht man sich, dass die Menschen möglichst viel hören und dem konzeptionellen Weg des Musikfestes folgen. Aber die Abende müssen auch einzeln tragfähig sein. Es ist legitim, wenn Hörer sagen: Ich möchte nur Daniel Behle oder Julian Prégardien oder Ian Bostridge singen hören, und der Rest ist mir egal. Wir sprechen ja nur eine Einladung aus.

          Zwischen welchen Versionen besteht der größte Kontrast?

          Zwischen der Version von Hans Zender, die wir szenisch mit den Kollegen vom Mousonturm machen, und jener Version für Stimme und Drehleier.

          Um welche „Winterreise“ mussten Sie beim Musikfest am meisten kämpfen?

          Um die szenische Version, nicht aus konzeptionellen Gründen, sondern logistisch. Da braucht man eine große Orchesterbesetzung und Probenorte. Das war aufwendig. Inhaltlich sind die Gespräche alle sehr schön aufgegangen, zum Beispiel mit Ian Bostridge, der im Betriebshof Gutleut der Verkehrsgesellschaft Frankfurt singen wird, einer achtzig Meter langen Halle, an beiden Seiten offen, wo hinten die ICE-Züge vorbeifahren.

          Nun gehen Sie in einem Fall einen umgekehrten Weg: Sie aktualisieren das Stück nicht, sondern verlangen vom Publikum, sich auf eine Aufführung des Jahres 1862 einzustellen, als die Pianistin Clara Schumann „Die Winterreise“ mit dem Bariton Julius Stockhausen aufgeführt hat. Welchen Sinn hat das?

          Eben jenen der veränderten Kontextualisierung, worüber ich eingangs sprach. Und wir wollen zeigen, wie sehr sich das, was wir unter „Konzert“ verstehen, innerhalb der letzten hundertfünfzig Jahre verändert hat. Julian Prégardien, der das Programm entworfen hat, ist auf der Suche nach der Hörsituation, in der die Stücke ursprünglich ihre Heimat hatten.

          Worauf hat, Ihrer Erfahrung nach, das Publikum mehr Appetit: auf historische Kontextualisierung oder auf Vergegenwärtigung?

          Definitiv auf Vergegenwärtigung. Alles, was Bezüge zum Zeitgeschehen herstellt oder neue Formate ausprobiert, findet mehr Interesse.

          Können Sie sich an Ihre erste „Winterreise“ erinnern?

          Nein, seltsamerweise nicht mehr. Nur an den bislang stärksten Eindruck: mit dem Tenor Ian Bostridge, weil er aus der Gestalt des Erzählers eine sehr heutige Figur gemacht hat.

          Und welche „Winterreise“ würden Sie gern noch hören?

          Ich habe noch nie Christian Gerhaher „Die Winterreise“ singen hören. Das möchte ich unbedingt noch erleben.

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