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Opernfestival Aix-en-Provence : Verantwortung in der Oper braucht manchmal Zensur

  • -Aktualisiert am

Bernard Foccroulle ist ein belgischer Komponist und seit 2007 Intendant beim Festival d’Aix-en-Provence. Bild: AFP

In Aix-en-Provence ist man für vieles offen, nur nicht für populistische Ideologie auf der Bühne. Ein Gespräch mit dem Intendanten Bernard Foccroulle.

          Dieses Jahr feiert das Musikfestival in Aix-en-Provence sein siebzigjähriges Bestehen. Die Akademie des Festivals wird zwanzig Jahre alt. Haben Sie sich bewusst dieses Jahr für Ihren Abschied als Intendant ausgesucht?

          Eigentlich wollte ich bereits letztes Jahr aus dem Amt scheiden, aber dann hat mich mein Nachfolger Pierre Audi gebeten, noch ein Jahr länger zu bleiben, damit er noch sein dreißigjähriges Jubiläum an der Oper Amsterdam feiern kann.

          Konnten Sie sich in Ihrer Abschiedssaison besondere Wünsche erfüllen?

          Die außergewöhnliche Produktion „Orfeo & Majnun“ ist das ehrgeizigste Projekt, das ich je gemacht habe. Eine interkulturelle, partizipatorische Oper mit zweihundert Amateursängern, die von drei Komponisten auf Englisch, Französisch und Arabisch geschrieben wurde. Die Premiere ist am 8. Juli auf dem Cours Mirabeau im Herzen der Stadt. Diese Oper ist der Höhepunkt vieler Projekte, mit denen wir in den letzten Jahren das Festival gegenüber der Gesellschaft geöffnet haben. Diese Teilhabe an Kultur ist mir sehr wichtig.

          Und die anderen fünf szenischen Produktionen?

          Ondřej Adámeks „Seven Stones“ hat eine besondere Entstehungsgeschichte. 2011 hatten wir den tschechischen Komponisten zum ersten Mal bei einem Workshop unserer Akademie zu Gast. Jedes Jahr kam er mit seiner Oper in Aix in enger Zusammenarbeit mit dem isländischen Librettisten Sjón ein Stück weiter. „Seven Stones“ bedeutet, dass es sieben Jahre gedauert hat, bis die Oper fertig war. Ansonsten nehmen wir die wundervolle „Zauberflöte“ von Simon McBurney aus dem Jahr 2014 wieder auf. Katie Mitchell hat in Aix insgesamt sechs Opern inszeniert. Bei meinem Abschied wollte ich die Regisseurin mit „Ariadne auf Naxos“ auf jeden Fall dabeihaben. „Dido und Aeneas“ stand auch in meiner allerersten Saison als Intendant der Brüsseler Oper im Jahr 1992 auf dem Spielplan. In unserer neuen Fassung erzählen wir in einem Prolog die Vorgeschichte, so dass wir das Werk in Aix in der Inszenierung von Vincent Huguet neu entdecken könnten. Sergej Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ schließlich hat Mariusz Treliński in Warschau aufwendig inszeniert – das wird eine echte Herausforderung für uns. Ich wollte in Aix immer eine große Bandbreite ästhetischer Richtungen haben. Nur so können wir Oper lebendig halten.

          Als Sie im Jahr 2007 als Festivaldirektor in Aix-en-Provence begannen, mussten Sie noch Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, geplant von Ihrem Vorgänger Stéphane Lissner, dirigiert von Simon Rattle und inszeniert von Stéphane Braunschweig, zu Ende bringen. War das nicht problematisch für Sie?

          Mit der „Walküre“ eröffneten wir das neu gebaute Grand Théâtre de Provence. Für mich war es zwar ein großes Vergnügen, gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern diesen „Ring“ zu vollenden, aber leider musste ich mein übriges Programm diesem Mammutprojekt unterordnen. Meine eigentliche Festivaldramaturgie startete im Grunde erst 2010. Seit damals machen wir jedes Jahr eine Mozart- und eine Barockoper, einen Klassiker, ein wenig bekanntes Repertoirestück und ein oder zwei Uraufführungen.

          Sie möchten die Oper zu einem Ort der Begegnung machen. Was meinen Sie damit?

          Zum einen verstehe ich darunter die Begegnung von jungen und älteren Künstlern, die wir in der Akademie ermöglichen. In diesem Jahr sind viele Hauptrollen mit früheren Akademieteilnehmern besetzt wie Lise Davidsen als Ariadne, Sabine Devieilhe als Zerbinetta oder Mari Eriksmoen als Pamina. Zum anderen haben wir ein sehr gemischtes, vor allem auch junges Publikum – viele der Besucher besuchen in Aix zum ersten Mal eine Oper und bringen Neugier und Offenheit mit. Oper darf nicht elitär sein, sondern muss sich allen Gesellschaftsschichten öffnen.

          Und wie schaffen Sie das?

          Mit vielen Aktionen in Schulen und Vereinen, aber auch mit niederschwelligen Angeboten in der Öffentlichkeit wie in diesem Sommer „Orfeo & Majnun“. Und mit einer besonderen Preispolitik. Rund ein Drittel der 85 000 Zuschauer pro Saison besucht kostenlose Veranstaltungen wie Proben oder Akademiekonzerte. Ein weiteres Drittel zahlt unter sechzig Euro für ein Opernticket. Wer unter dreißig ist, erhält für neun Euro hochwertige Karten. Das letzte Drittel schließlich kauft die teuren Tickets bis zu 270 Euro, so dass am Ende die wirtschaftliche Balance wieder stimmt.

          Daneben haben Sie für den interkulturellen Dialog mit dem Mediterranean Youth Orchestra innerhalb der Akademie ein Orchester gegründet.

          Hier haben die Teilnehmer aus dem Nahen Osten, Nordafrika oder dem Balkan die Gelegenheit, auf höchstem Niveau klassische europäische Musik zu interpretieren. Andererseits laden wir Dozenten aus Ägypten oder dem Libanon ein, um uns deren Musik näherzubringen. Wir kreieren Musik, die wirklich etwas Neues schafft. Kein billiges Crossover, kein orientalisches Flair, sondern ein echter Dialog auf Augenhöhe. Wir gehen tief in die musikalische Struktur hinein, arbeiten mit unterschiedlichen Stimmungen, verschiedenen Modi und rhythmischen Mustern.

          Im Jahr 2015 beschwerte sich der Regisseur Martin Kušej über Ihre Eingriffe in seiner Inszenierung von Mozarts „Entführung aus dem Serail“. Er durfte nicht die Köpfe der Gefangenen zeigen, die Osmin zuvor enthauptet hatte. Warum zensierten Sie diese Szene?

          Eine Woche vor der Premiere mussten wir in Lyon die erste Enthauptung durch einen Terroristen erleben. Niemand im Land, auch nicht unser künstlerisches und technisches Team, war bereit dazu, rollende Köpfe auf der Bühne zu sehen. Ich habe alles Mögliche dafür getan, seine Inszenierung zu schützen, obwohl sie fundamental gegen meine Werte verstoßen hat. Kušej wollte die Überlegenheit der westlichen Zivilisation gegenüber dem Orient zeigen. Ich hasse diese Idee. Wenn wir das vorher diskutiert hätten, hätte ich ihn niemals engagiert. Meiner Meinung nach sollten die Künstler nicht die populistischen Ideologien verstärken, sondern der Gesellschaft helfen, sich mit der Wirklichkeit auf eine reflektierte Weise auseinanderzusetzen.

          Wie kann Musik helfen, Ängste und Aggressionen zwischen den Kulturen zu abzubauen?

          Kulturen werden heutzutage als Grenzen wahrgenommen – Amin Maalouf schreibt von den „killing identities“. In der Musik sehen wir, wie andere Kulturen und Gewohnheiten unsere eigene Ausdruckswelt bereichern können. Wir können besser miteinander leben, wenn wir den anderen kennen.

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