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Opernfestival Aix-en-Provence : Verantwortung in der Oper braucht manchmal Zensur

  • -Aktualisiert am

Zum einen verstehe ich darunter die Begegnung von jungen und älteren Künstlern, die wir in der Akademie ermöglichen. In diesem Jahr sind viele Hauptrollen mit früheren Akademieteilnehmern besetzt wie Lise Davidsen als Ariadne, Sabine Devieilhe als Zerbinetta oder Mari Eriksmoen als Pamina. Zum anderen haben wir ein sehr gemischtes, vor allem auch junges Publikum – viele der Besucher besuchen in Aix zum ersten Mal eine Oper und bringen Neugier und Offenheit mit. Oper darf nicht elitär sein, sondern muss sich allen Gesellschaftsschichten öffnen.

Und wie schaffen Sie das?

Mit vielen Aktionen in Schulen und Vereinen, aber auch mit niederschwelligen Angeboten in der Öffentlichkeit wie in diesem Sommer „Orfeo & Majnun“. Und mit einer besonderen Preispolitik. Rund ein Drittel der 85 000 Zuschauer pro Saison besucht kostenlose Veranstaltungen wie Proben oder Akademiekonzerte. Ein weiteres Drittel zahlt unter sechzig Euro für ein Opernticket. Wer unter dreißig ist, erhält für neun Euro hochwertige Karten. Das letzte Drittel schließlich kauft die teuren Tickets bis zu 270 Euro, so dass am Ende die wirtschaftliche Balance wieder stimmt.

Daneben haben Sie für den interkulturellen Dialog mit dem Mediterranean Youth Orchestra innerhalb der Akademie ein Orchester gegründet.

Hier haben die Teilnehmer aus dem Nahen Osten, Nordafrika oder dem Balkan die Gelegenheit, auf höchstem Niveau klassische europäische Musik zu interpretieren. Andererseits laden wir Dozenten aus Ägypten oder dem Libanon ein, um uns deren Musik näherzubringen. Wir kreieren Musik, die wirklich etwas Neues schafft. Kein billiges Crossover, kein orientalisches Flair, sondern ein echter Dialog auf Augenhöhe. Wir gehen tief in die musikalische Struktur hinein, arbeiten mit unterschiedlichen Stimmungen, verschiedenen Modi und rhythmischen Mustern.

Im Jahr 2015 beschwerte sich der Regisseur Martin Kušej über Ihre Eingriffe in seiner Inszenierung von Mozarts „Entführung aus dem Serail“. Er durfte nicht die Köpfe der Gefangenen zeigen, die Osmin zuvor enthauptet hatte. Warum zensierten Sie diese Szene?

Eine Woche vor der Premiere mussten wir in Lyon die erste Enthauptung durch einen Terroristen erleben. Niemand im Land, auch nicht unser künstlerisches und technisches Team, war bereit dazu, rollende Köpfe auf der Bühne zu sehen. Ich habe alles Mögliche dafür getan, seine Inszenierung zu schützen, obwohl sie fundamental gegen meine Werte verstoßen hat. Kušej wollte die Überlegenheit der westlichen Zivilisation gegenüber dem Orient zeigen. Ich hasse diese Idee. Wenn wir das vorher diskutiert hätten, hätte ich ihn niemals engagiert. Meiner Meinung nach sollten die Künstler nicht die populistischen Ideologien verstärken, sondern der Gesellschaft helfen, sich mit der Wirklichkeit auf eine reflektierte Weise auseinanderzusetzen.

Wie kann Musik helfen, Ängste und Aggressionen zwischen den Kulturen zu abzubauen?

Kulturen werden heutzutage als Grenzen wahrgenommen – Amin Maalouf schreibt von den „killing identities“. In der Musik sehen wir, wie andere Kulturen und Gewohnheiten unsere eigene Ausdruckswelt bereichern können. Wir können besser miteinander leben, wenn wir den anderen kennen.

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