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Dreimal „Benvenuto Cellini“ : Der Richard Kimble der Renaissance

  • -Aktualisiert am

Ein Renaissance-Phantasialand: Artistik und mächtige Szeneelemente wie diese transparente Kugel beherrschen die Inszenierung von „Benvenuto Cellini“ in Köln. Bild: Paul Leclaire

Köln, Bonn und Barcelona: Gleich drei Opernhäuser bringen „Benvenuto Cellini“ von Hector Berlioz heraus – und von unerwartet zauberhaften Momenten bis zum grellen Varietézirkus ist alles dabei.

          Seit geraumer Zeit irrlichtert eine schillernde Figur, die lange Jahre in den Archiven verschollen schien, wieder über die Opernbühnen. Benvenuto Cellini, im wirklichen Leben ein genialer Goldschmied und Bildhauer, Abenteurer und Hallodri, gottesfürchtiger Mensch und mehrfacher Mörder, war als eine Art Richard Kimble der Renaissancezeit ständig auf der Flucht vor Neidern, Intriganten und der Justiz, vielleicht auch vor sich selbst. Aus dieser Gestalt hat der französische Komponist Hector Berlioz einen grandiosen Opernhelden geformt, der sich aus dem unbändigen Drang nach Verwirklichung eigener Ideen und Ideale ungehemmt gesellschaftlichen Zwängen entgegenstellt, damit ein Gegenbild zu Künstlerbeamten abgibt, die sich von der Obrigkeit hätscheln und vom Mainstream im Kunstbetrieb beeinflussen lassen.

          Innerhalb von zwei Wochen waren jetzt gleich drei verschiedene Inszenierungen von Berlioz’ „Benvenuto Cellini“ zu erleben. Ganz frisch ist allerdings nur jene der Kölner Oper, die Aufführung am Teatre del Liceu in Barcelona kam über Amsterdam von der English National Opera in London, jene in Bonn war ein Aufguss der Inszenierung von 2008 am Nürnberger Staatstheater. Köln und Bonn bewiesen nun nicht nur die Aktualität der Cellini-Oper mit ihrem heißblütigen Plädoyer für künstlerische Freiheit gegenüber der Gängelung durch obrigkeitliche Bevormundung. Es zeigte sich auch, dass der Kunstbetrieb manchmal unbedacht dem Banausentum in der Politik in die Hände spielt. Ein so aufwendiges Stück unkoordiniert innerhalb weniger Tage an zwei so nahe beieinander liegenden Bühnen herauszubringen, liefert den staatlichen und kommunalen Geldgebern auch noch ein Argument für die von ihnen immer wieder propagierte, kulturpolitisch unsinnige Zusammenlegung der beiden so unterschiedlichen Opernhäuser.

          Der Bonner Generalmusikdirektor Stefan Blunier hat mit „Benvenuto Cellini“ seine letzte Saison eingeläutet. Er scheidet 2016 wegen finanzieller Querelen im Unfrieden. Auch dem neuen musikalischen Leiter des Gürzenich-Orchesters und damit der Kölner Oper, François-Xavier Roth, ist übel mitgespielt worden. Er wollte eigentlich mit der monumentalen Berlioz-Oper das nach dreijähriger Renovierung sanierte Haus grandios wiedereröffnen. Doch kaum als Generalmusikdirektor im Amt, teilte man ihm mit, dass es noch zwei, drei Jahre dauern werde, bis das Gebäude am Offenbachplatz wieder bespielt werden könne. Durch Fehlplanung, Schlamperei und mangelhafte Aufsicht wird im Subventionszirkus öffentlicher Kultur sinnlos Geld verschwendet.

          Ein erstaunlich transparenter Orchesterklang

          Roth hat, dem Berlioz-Helden Cellini nicht unähnlich, die Herausforderung angenommen und sich vehement für die Fertigstellung der Inszenierung in einem eilig zugerichteten Provisorium eingesetzt. Cellini gelingt es ja am Ende der Oper auch, die vom Papst bei ihm in Auftrag gegebene Perseus-Statue in letzter Minute zu gießen, um sich so die Absolution für den von ihm verübten Mord am Helfer seines Konkurrenten Fieramosca zu sichern. Außerdem erhält er die Hand der geliebten Teresa, der Tochter des päpstlichen Schatzmeisters Balducci, der sein Töchterlein lieber mit dem Gefälligkeitskünstler Fieramosca verheiratet hätte.

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