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In Englands Opern : Dieses trojanische Pferd ist aus Altmetall

  • -Aktualisiert am

Selbst bei griechischen Schlachtrössern herrscht jetzt schon Sparzwang! Das Pferd in Londons neuen „Trojanern“ ist arg transparent, schlägt dafür aber Flammen. Bild: Robbie Jack/Corbis

Nach vierzig Jahren kehren „Die Trojaner“ auf die Bühne von Covent Garden zurück. Das Glyndebourne Festival beglückt mit „Figaro“, und die English National Opera geht mit „Billy Budd“ auf Tauchstation.

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          Ob in der bukolischen Landschaft von Wormsley Park, im mondänen Covent Garden oder in der ehemaligen Chemiefabrik von Birmingham, wo im August die erste vollständige Aufführung von Stockhausens fünfstündiger Oper „Mittwoch“ aus dem „Licht“-Zyklus erfolgen soll: Das olympische Fieber hat auf die britische Opernwelt übergegriffen. Während sich die Garsington Opera in ihrem zweiten Jahr auf dem Getty-Anwesen in den Chilterns mit der britischen Erstaufführung der Vivaldi-Rarität „L’Olimpiade“ auf einen thematischen Bezug zum Mega-Sportfest beschränkt, haben sich Covent Garden und die Birmingham Opera Company vom Hang zur Gigantonomie anstecken lassen, den Olympiaden zu erzeugen scheinen.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Das Londoner Opernhaus hat sich der fraglos olympischen Herausforderung gestellt, beide Teile des fünfaktigen Monumentalwerks „Les Troyens“ von Hector Berlioz ungekürzt an einem Abend zu geben. Berlioz selbst war es nicht vergönnt, seinen Lebenstraum einer Vertonung der „Aeneis“ jemals vollständig auf der Bühne zu sehen. Erst hundert Jahre nach seinem Tod brachte die Scottish Opera in Glasgow 1969 die beiden Teile „Die Einnahme von Troja“ und „Die Trojaner in Karthago“ zur vollständigen szenischen Aufführung, allerdings auf Englisch. Wenige Monate später folgte zum Berlioz-Jubiläumsjahr an der Covent-Garden-Oper eine Inszenierung in der Originalsprache, dirigiert von Colin Davis, dem großen (Wieder-)Entdecker von Berlioz.

          Eine geschäftige Inszenierung

          Umso höher nun die Erwartungen beim jüngsten Londoner Versuch, Berlioz’ Opernepos nach einer Pause von vierzig Jahren endlich wieder auf die Bühne von Covent Garden zu bringen - diesmal in einer keinen Aufwand scheuenden Inszenierung von David McVicar und mit Antonio Pappano am Pult. Dem Regisseur ist allerdings nichts Originelleres eingefallen, als Troja in die Zeit des Krimkrieges zu verlegen, der gerade tobte, als Berlioz sein Antikendrama komponierte. Die belagerten Trojaner haben sich in einer metallenen Zitadelle verschanzt, die aussieht wie ein Gasometer; das hölzerne Pferd ist ein gigantisches, feuerschnaubendes Konstrukt aus Altmetall vom Schlachtfeld, und in der verkohlten Düsternis der besiegten Stadt drücken die trauernden Frauen biedermeierliche Porträts ihrer gefallenden Ehemänner an die Brust. Im Karthago der Bühnenbildnerin Es Devlin trifft Tausend-und-eine-Nacht auf good old Hollywood.

          Jonathan Summers, Darren Jeffery und Thomas Fetherstonhaugh als Mr Redburn, Mr Flint und Cabin boy in „Billy Budd“ der English National Opera
          Jonathan Summers, Darren Jeffery und Thomas Fetherstonhaugh als Mr Redburn, Mr Flint und Cabin boy in „Billy Budd“ der English National Opera : Bild: AP/Henrietta Butler

          Vor der in mediterranem Licht gebadeten Sandsteinkulisse einer Kasbah liegt im zweiten Teil ein Modell von Didos Karthago, das im nächsten Akt über der Bühne hängt und im letzten Bild - der römischen Prophezeiung entsprechend - zerbrochen ist. Ganz im Stil der Grand Opéra trumpft McVicar bei Didos Liebestod-Finale mit einer Riesenbüste Hannibals auf, die wiederum aus Kriegsschrott gebastelt ist. Tiefere Einsichten über den Untergang von Weltreichen oder die Verheerungen des Krieges, wie sie McVicar mit der Krimkrieg-Parallele andeutet, sind seiner geschäftigen Inszenierung jedoch nicht abzugewinnen. Sie erschöpft sich in großspurigen Oberflächlichkeiten, vergreift sich in unsäglichen Ballettübungen und hat den Beigeschmack des hohlen Gepränges von „Aida“-Triumphmärschen in der Arena von Verona.

          Mit einem Hauch von tragischem Pathos

          Die Dynamik der Vorstellung beruht ganz auf der musikalischen Darbietung, zu deren glanzvollen Höhepunkten der von Renato Balsadonna einstudierte Chor und Anna Caterina Antonaccis intensive Charakterisierung der in den Wahn abgeglittenen Kassandra gehören. Angewidert schaut die verkannte Prophetin auf ihre Hände, denen das Symbol ihres seherischen Auges aufgemalt ist. Mit flammendem Blick, düsterem Timbre und beispielhaft klarer Diktion bringt sie die archaische Kraft der griechischen Mythologie vortrefflich zur Geltung - anders als ihr weiblicher Gegenpart in Karthago, Eva-Maria Westbroek, deren Dido trotz geschmeidiger Leuchtkraft in der Stimme wenig königliche Aura verströmt. Wenn die Herrscherin ihr Volk um sich versammelt, um ihm für die Erbauung Karthagos zu danken, wirkt sie wie eine Kindergärtnerin in der Märchenstunde. Erst in ihrem Abschied erlangt sie einen Hauch von tragischem Pathos.

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