https://www.faz.net/-gqz-9lyhb

Staatsopern-Festtage Berlin : Selbsthilfegruppe anonymer Opern-Abhängiger

Sie kommen von ihrer Opern-Sucht nicht los: Lauri Vasar, Goran Juric, Violeta Urmana, Aida Garifullina und Bogdan Wolkow (von links). Bild: Ruth und Martin Walz

Eine mutige Wahl von Daniel Barenboim und Dmitri Tschernjakow für die Staatsopern-Festtage in Berlin: Die Inszenierung von Prokofjews „Die Verlobung im Kloster“ beschreibt die Sucht nach Alltagsflucht als Motiv des Opernpublikums.

          Die naseweise Arroganz des jungen Sergej Prokofjew, der noch 1916 mit seiner „Skythischen Suite“ den Bürgern eins „in die Fresse“ geben wollte, wie er selbstgefällig in seiner Autobiographie den Ausruf eines seiner Anhänger zitiert, die interessiert Daniel Barenboim überhaupt nicht. Als er in der Berliner Philharmonie mit den zu Gast geladenen Wiener Philharmonikern die Staatsopern-Festtage eröffnet, da mildert er den Spott in der 1917 komponierten „Symphonie classique“ zum Humor, da gibt er den Stilzitaten aus der Welt Joseph Haydns, was Ironie hinter grinsender Scham verbergen würde: Einfühlung, Rührung, Bewunderung.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Barenboim muss das Eingangsallegro dieser Symphonie nicht, wie viele seiner jüngeren Kollegen, so schnell dirigieren wie das Molto vivace des Finales. Lebhaftigkeit lässt sich in der Musik ganz anders als durch Tempo erzeugen: durch Kontraste, durch plastische Durchformung dieser tönenden Choreographie der Liebenswürdigkeit mit all ihren Gesten der Galanterie, den Knicksen, Verbeugungen und gelüpften Dreispitzen. Eher das Lyrische als das Komische interessiert Barenboim an diesem parodistischen Stück, und er findet die Resonanz seiner Bemühungen in einem Orchester, das hier wie in der später folgenden ersten Symphonie von Gustav Mahler mit großer Gelassenheit spielt, das nichts mehr beweisen muss, das Aufmerksamkeit bei den Hörern voraussetzt, statt sie durch grellen Aktionismus erzwingen zu wollen.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Die Philharmonie ist voll, sogar die Plätze auf dem Chorpodium sind verkauft. Die Zuneigung des internationalen Publikums – viele Japaner und Amerikaner bemerkt man – zu Barenboim ist ungebrochen. Er selbst zeigt sich nach den letzten Wochen einer Debatte um ihn und seinen Führungsstil, die keine rechte Debatte werden wollte und für die außerhalb des Musik- und Medienbetriebs auch nicht recht Verständnis aufkommt, flink, zupackend, souverän wie eh und je. Nur im Programmheft, wo seine Biographie sonst zwei bis drei Seiten füllte, stehen jetzt lediglich die zwei Sätze: „Daniel Barenboim wurde 1942 in Buenos Aires geboren. Seit 1992 ist er Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden“, dazu ein Verweis auf seine Website. Mit der Demonstration, nicht mehr beweisen zu müssen, wer er ist, geht er bei diesen Festtagen ganz in der Kunst auf.

          Die Repertoire-Entscheidung für die Opernpremiere ist die mutigste bei allen drei Festivals dieser überhaupt nicht stillen Woche: „Die Verlobung im Kloster“, eine Neorokoko-Komödie von Sergej Prokofjew, 1940 komponiert, 1958 das letzte Mal an der Staatsoper inszeniert und auch sonst nicht übermäßig bekannt in Deutschland wie im Rest der Welt.

          Hier war es Prokofjew selbst, der das Lyrische des Stoffes – zwei junge Paare tricksen zwei alte Herren aus, damit die Liebenden einander heiraten können – wichtiger nehmen wollte als das Komische, das ihm zu derb (und wohl auch zu abgegriffen) erschien. Ein wenig allerdings bremst der Komponist mit seiner Lyrik die Komik aus und traut auch der Lyrik nicht, weshalb er sie stets ironisch kommentiert, was ihr den Zauber nimmt.

          Aber es ist wieder Barenboim mit der wundervollen Berliner Staatskapelle, der die blitzschnellen Wechsel der Tonfälle in den 46 teilweise sehr kurzen Szenen herzustellen weiß und der sich trotzdem in manch karikierendem Bläsersolo nicht zur effektvollen Bloßstellung der Figuren hinreißen lässt.

          Daran hat auch der Regisseur Dmitri Tschernjakow gar kein Interesse, genauso wenig wie an der originalen Geschichte. Bei ihm spielt diese „Verlobung im Kloster“ knapp drei Stunden lang in einem Seminarraum mit ausrangiertem Staatsoperngestühl, worin eine Selbsthilfegruppe „anonymer Opern-Abhängiger“ unter Anleitung eines Kursleiters (Maxim Paster) ihre Sucht und ihr Leiden in den Griff zu kriegen sucht. Dass Andrej Schilichowski als Don Ferdinand schwer depressiv ist und Anna Gorjatschowa als dessen Partnerin Clara an Wahnvorstellungen mit suizidalen Phasen leidet, macht den Ernst der Lage klar.

          Wenn allerdings alle neun Personen im immergleichen Raum bei immer gleichem Licht (Gleb Filschtinski) auf der Bühne sind, wird das, was Komödie ausmacht, nämlich schnelle Wechsel von An- und Abwesenheit, Spiel hinter dem Rücken anderer, Kontrast der Lebenswelten, eingeebnet, und Langeweile stellt sich ein, die quälend werden kann. Genau diese Qual will Tschernjakow aber, um den Rückfall in die Sucht, die Befriedigung des Bedürfnisses nach Oper als der Gegenwelt zum Alltag, als das Schönere und Bessere im Vergleich zum Diesseits im Finale als Traum der Hauptfigur Don Jerome auf die Bühne zu bringen. Da kommen sie dann alle als Gäste zur Hochzeit, von Jelena Sajzewa sagenhaft schön und klar erkennbar kostümiert als Königin der Nacht und Papageno, als Lohengrin und Siegfried, als Elektra, Salome und Aida, als Bassa Selim, Rosenkavalier und Boris Godunow. Die Protagonisten als Stellvertreter des Publikums erweisen sich als resistent gegen alle Versuche von Dekonstruktion und gegen die Säkularisierung von Kunstreligion.

          Die Sängerbesetzung ist kaum zu übertreffen. Solch klangschöne, intensiv gefärbte, genau gestaltende Stimmen wie die von Aida Garifullina, Anna Gorjatschowa und Violeta Urmana, dazu noch Goran Jurić, Lauri Vasar und Bogdan Wolkow gleichzeitig auf der Bühne zu erleben ist allein schon ein Fest. Aber dass Stephan Rügamer, derzeit einer der beweglichsten und pointensichersten Sängerkomödianten Europas, auf der Bühne auch noch Trompete und Schlagzeug auf Weinkelchen spielt, darf als Sensation durchgehen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.