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Theater in Basel : Weiße Kreide auf schwarzen Brettern

  • -Aktualisiert am

Stakkato des Grauen: In der Not ist jeder allein – überall. Bild: © Sandra Then

Es tut gar nicht weh: Tilmann Köhler inszeniert in Basel Ágota Kristófs Roman „Das große Heft“. Dabei werden die Zuschauer Zeugen zahlreicher Kriegsgräuel und Verbrechen.

          3 Min.

          1956 floh Ágota Kristóf aus Ungarn in die Schweiz, aber sie wurde in ihrer neuen Heimat nie richtig heimisch. Schreiben war für sie immer Leidenschaft und Lebensinhalt, und so fühlt sie sich plötzlich als Analphabetin, entwurzelt, sprachlos, ein Fisch auf dem Trockenen. Französisch war „Feindessprache“, und das war für Kristóf womöglich schwerer zu ertragen als die Arbeit in den Uhrenfabriken von La-Chaux-de-Fonds. Tagsüber stanzte sie am Fließband „das gleiche Loch in das gleiche Werkstück“, nachts schrieb sie, was niemand lesen wollte. Bei Kristófs Tod 2011 prophezeite Sibylle Berg, man werde ihr in hundert Jahren Denkmäler errichten, aber bisher sieht es eher nicht danach aus: Kristóf war zu leise, ihr Werk zu schmal, zu düster, zu spröde. Immerhin wird „Das große Heft“, der erste Teil einer Romantrilogie um zwei Zwillingsbrüder im Krieg, derzeit wieder öfter an den Theatern gespielt; Ulrich Rasches Dresdner Inszenierung wurde sogar zum Theatertreffen eingeladen.

          Das Basler Theater zeigt nun zum Saisonauftakt gleich zwei Kristóf-Stücke. Für die autobiografische Erzählung „Die Analphabetin“ fuhr das Regieteam um Barbara Luchner sogar in die längst stillgelegten Uhrenfabriken der Westschweiz. Für „Das große Heft“ braucht man keinen Lokaltermin: Kristóf hat eigene Erfahrungen als Kriegskind und Internatsschülerin zu einer modellhaften Studie menschlicher Verrohung verarbeitet. Zwei ausgebombte Zwillingsbrüder, frühreif und seltsam alterslos, werden bei ihrer Großmutter einquartiert, Liebe oder auch nur verwandtschaftliche Solidarität dürfen sie nicht erwarten. Für die Großmutter sind sie kinderlandverschickte Blagen, lästige Mitesser, „Hundesöhne“, aber umgekehrt kennen auch die Brüder keine Gnade.

          Kaum Ablenkung oder Abwechslung im Stakkato des Grauens

          Die „Hexe“ lehrt sie, wie man lebt und überlebt; alles Übrige bringen sie sich in grausamen Abhärtungsübungen selber bei. Was sie erleiden könnten, nehmen die Kinder in einer Art prophylaktischen Schutzzaubers vorweg: Um gegen Schmerzen gefeit zu sein, schlagen sie sich mit Fäusten und Gürteln bis aufs Blut; um gegen Schimpf und Schande immun zu werden, beschimpfen und beleidigen sie sich. Sie töten, um die Angst vor dem Tod zu verlieren; erst Frösche und Katzen, dann Menschen. Die Zwillinge sind unberechenbar: Mal kalt und böse, mal schrecklich human. Sie helfen dem Mädchen Hasenscharte, das sich Hunden und Soldaten hingibt, mit Nahrung und Decken aus. Aber sie erpressen gleichzeitig den pädophilen Pfarrer und schicken ihren eigenen Vater ins Minenfeld, um heil über die Grenze zu kommen.

          Was sie fürs Leben und Sterben gelernt haben, tragen sie in harten, unbarmherzigen Sätzen in Schulheften ein. „Wir spielen nie“, aber im Theater müssen ihre Erlebnisaufsätze spielerisch über die Rampe kommen. Ulrich Rasche versuchte es in Dresden mit einer seiner maschinengestützten Intentensiv-Meditationen: Auf rotierenden Drehscheiben, im Walzwerk eines chorisch-militanten Männerkollektivs marschierten fast vier Stunden lang bis zu sechzehn Zwillinge in den Untergang der Humanität. Die Kritik war beeindruckt und bemängelte allenfalls die tendenziell totalitäre „Rammstein“-Ästhetik. Aber ganz ohne hämmernde Grausamkeit und Pathos geht es auch nicht, wie der Versuch des Dänen Jonas Lorell Petersen in Stuttgart zeigte, „Das große Heft“ mit Kohlköpfen als Bombenattrappen und Beach-Boys-Knabenchören auf die Bühne zu bringen. Tilmann Köhler geht in Basel jetzt einen Mittelweg zwischen treuherzigem Realismus und Stilwillen, leisem Schreckensidyll und lautem Gewaltexzess. Er will die Schrecken des Krieges nicht illustrieren: Das Publikum soll die Leerstellen seiner Inszenierung mit eigenen Kriegs- und Flüchtlingsbildern ausfüllen. Das funktioniert aber nur bedingt: In Basel ist „Das große Heft“ nur ein Selbstkasteiungsritual, arm an hellen Momenten und Perspektivwechseln.

          Drei Paare unterschiedlichen Alters und Geschlechts teilen sich die Rollen der Zwillinge und ihrer Peiniger, begleitet von einem vierten Paar an unterschiedlich gestimmten Klavieren. Die Sechs fassen sich paarweise an der Hand und sprechen oft zusammen, aber in der Not ist jeder wieder allein; und Not ist oft. Die Bühne ist eine dunkle, hölzerne Schräge mit einer Dachgaube; das erschwert den festen Stand und macht das Rutschen fast zum Normalfall. Es wird viel geklettert, gerutscht und gekrochen, aufwärts und abwärts, rücklings und bäuchlings, kopfüber und in gekreuzigter Haltung. Die Sisyphosarbeit in der Steilwand wirkt auf die Dauer aber doch eintönig: Alles ist hell oder dunkel, Wolldecke oder Abgrund.

          Manchmal schreiben die Brüder mit weißer Kreide Wörter und Sätze auf die schwarzen Bretter. Sie wollen, wie der Spiegel, nur „beschreiben, was ist“, Fakten ohne Gefühle und Wertungen geben. Mehr als die Bretter bedeutet die Kreide hier die Welt. Sie steht für Essen, Geld, die Hostie des Pfarrers, den Spaten, mit dem das Mutterskelett exhumiert wird; einmal frisst sogar die Großmutterhexe Kreide. Sonst gibt es kaum Ablenkung oder Abwechslung im Stakkato des Grauens, kein Moment von Wärme oder gar Hoffnung, höchstens ab und zu Wolldecken oder Äpfel. In Basel wird man Zeuge – zum Glück mehr Ohren- als Augenzeuge – zahlreicher Kriegsgräuel und Verbrechen von der Judendeportation bis zu Vergewaltigung, Sodomie und Kindesmißbrauch. Aber „es tut nicht weh“, wie die Brüder immer sagen. Man ist abgehärtet von dieser Art Theater: Es sind ja nur Kreidestriche auf Brettern, abstrakte Turnübungen auf dem Dachboden der Geschichte.

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