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Kammermusik in Jerusalem : Eichendorffs Burg im Schatten Zions

Mit streng geführter, leichter, aber zugleich körperreicher, erdverwachsener Stimme: der Bariton Gyula Orendt, begleitet von Elena Bashkirova Bild: Dan Porges

Gerade einmal fünf Tage lang, mit exzellenten Künstlern und programmatischem Luxus ohnegleichen: Das Jerusalem Chamber Music Festival bringt versöhnlich Leben in die Stadt der zänkischen Zungen.

          4 Min.

          Am Abend, kurz nach Sonnenuntergang, wenn der Himmel blassblau über den sandfarbenen Häusern leuchtet und der Wind durch die Säulengänge des YMCA-Gebäudes – dieser monumentalen Karawanserei aus Neoromanik, Art déco und Kolonial-Orientalismus – streicht, da sagt Elena Bashkirova in einem raren Moment heiteren Nichtstuns plötzlich: „Ach, ist das nicht schön? Wir sitzen hier in Jerusalem. Es ist Schabbat – und es gibt ein Konzert. Menschen! Leben!“ Man muss hierherkommen, muss diese Stadt sehen, prächtig, aber erstarrt, dieses bewohnte Freilichtmuseum abrahamitischer Religionen, um zu ermessen, wie wenig selbstverständlich die Existenz des Jerusalem Chamber Music Festivals ist, das die Pianistin seit einundzwanzig Jahren leitet.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Es ist Frieden in der Stadt, gewiss, aber ein Frieden gestauter Aggressivität. Alle Religionen, die Jerusalem für ihre Heilsgeschichte beanspruchen, belauern sich gegenseitig. In der Via Dolorosa, kurz vor der Grabeskirche, wo Menschen, die sich Christen nennen, Steine küssen, als habe sie die frohe Botschaft, dass Jesus Christus auferstanden und nicht mehr hier sei, nie erreicht, hört man den Muezzin rufen „Allah ist groß“. Auf den Giebeln über dem arabischen Viertel prangt trotzig die Staatsflagge Israels; in den Gassen darunter werden T-Shirts verkauft mit dem Aufdruck der Suchmaske von Google und der Eingabe „Israel“ samt der Rückfrage „Meinten Sie Palästina?“

          Es ist die Stadt der zänkischen Zungen. Jeder stichelt gegen jeden. Alle rüsten auf. Die Zahl der vollverschleierten Frauen auf den Gassen habe zugenommen, so hört man, und der Einfluss der Rabbiner auf das Alltagsleben wachse mehr und mehr. Das YMCA, die Residenz des Vereins Christlicher Junger Menschen, zwischen 1924 und 1933 mit kräftiger Hilfe aus den Vereinigten Staaten errichtet, beherbergt einen wunderbaren Konzertsaal. Der Ort sei eine Insel säkularer Kultur, sagt Bashkirova.

          Fein abgestufte Wechsel im Frage-Antwort-Spiel

          In diesem Jahr hat sie ihr Festival auf fünf Tage verkürzt, um die Künstler, die allesamt exzellent sind und ohne Honorar hierherkommen, möglichst lange am Ort halten und für die Werke stets neu gruppieren zu können. Das ist ein programmatischer Luxus ohnegleichen. Da kann der phantastische Oboist Ramón Ortega Quero an einem Abend die heiter verspielten „Sechs Metamorphosen nach Ovid“ von Benjamin Britten blasen, nachdem er tags zuvor mit Madeleine Carruzzo an der Bratsche (samt einem intensiv mürben Ton) und Yael Kareth am Klavier eine kostbare Rarität zutage gefördert hatte: die zwei Rhapsodien von Charles Loeffler, Beispiele eines delikat-morbiden Symbolismus, von Frankreich nach Amerika exportiert. Da finden sich weltgewandte Solisten wie die Geigerin Latica Honda-Rosenberg und Krzysztof Chorzelski an der Bratsche mit Kirill Zlotnikov, dem Cellisten des Jerusalem String Quartet, zusammen, um Ludwig van Beethovens ausgefuchstes, satztechnisch gewitztes Streichtrio G-Dur op. 9 Nr. 1 zu spielen – und Zlotnikov ist es, der das Spiel anheizt, Pässe zuspielt, Pointen setzt. Wenn dann in Beethovens Septett op. 20 der Fagottist Klaus Thunemann und der Hornist Ben Goldscheider, die fast ein halbes Jahrhundert Lebenszeit voneinander trennt, nebeneinander sitzen, wird die Musik zum beglückenden Mehrgenerationenhaus.

          Bashkirova, die das Festival seit einigen Jahren auch unter dem Namen „Intonations“ ins Jüdische Museum ihrer Heimatstadt Berlin exportiert, macht die Programme überwiegend selbst und erstellt auch alle Probenpläne. Wichtig ist ihr die Integration des Liedes in die instrumentale Kammermusik. Anna Samuil singt, begleitet von Yael Kareth am Klavier, Lieder von Erich Wolfgang Korngold: Satt, üppig, generös ist ihr Sopran bei den deutschen Texten; geschmeidig, neckisch, leichtfüßig bei denen von William Shakespeare. Bashkirova selbst begleitet Dorothea Röschmann, die in den Liedern von Gustav Mahler und Johannes Brahms nicht nur die Konsonanten deutlich spricht, sondern auch sorgfältig auf genaue Vokalfärbung achtet, jedes A, E, I, O, U auf eigene Weise ansetzt, manchmal auf Kosten der sängerischen Phrase, immer aber zugunsten der Textverständlichkeit. Und sie findet für Mahlers Lied „Liebst du um Schönheit“ fein abgestufte Wechsel im Frage-Antwort-Spiel, geborgen in einem freundlich überlegenen Konversationston, der ihre ganze Meisterschaft verrät.

          Sinn für die schlichte, tiefe Trauer

          Auch den aufstrebenden Bariton Gyula Orendt, der an der Berliner Staatsoper in großen wie in kleinen Rollen immer wieder aufhorchen ließ, hat Bashkirova nach Jerusalem holen können: für Robert Schumanns Liederkreise op. 24 und op. 39. Orendt, dem das erlesene, an Prozessen der Harmonik orientierte Klavierspiel Bashkirovas auf kluge Weise Zielpunkte der sängerischen Phrasierung vorgibt, singt mit streng geführter, leichter, aber zugleich körperreicher, erdverwachsener Stimme. „Auf einer Burg“ nach Joseph von Eichendorff gelingt beiden mit einer solch konzentrierten Versunkenheit, dass hier das Sagen als Zur-Sprache-Bringen von Welt, nicht als bloßes Bezeichnen oder Erzählen, sondern als Ins-Sein-Rufen mit seiner ganzen, unheimlichen Magie neu erfahrbar wird.

          Im Publikum sind manche, denen die deutsche Sprache noch von Kindheit an vertraut ist. Lippen von Greisen bewegen sich zu den Texten der Lieder; ihr Atem wird manchmal schwer, der Blick trübe. Es sind überwiegend säkular eingestellte Juden aus dem Großraum Jerusalem, die zu den Konzerten kommen, aber auch zahlreiche Touristen, von denen die Stadt ohnehin lebt. Dass die Hörer überwiegend sehr alt sind, stört Bashkirova nicht mehr. Sie kennt das seit zwei Jahrzehnten: „Das sind inzwischen ganz andere. Da ist eine ganz neue Generation alter Menschen nachgewachsen“, sagt sie mit Lachfalten in den Augenwinkeln.

          Bei den Künstlern wächst eine neue Generation junger Menschen nach mit phänomenalen Fähigkeiten. Zu ihnen gehört der Pianist Bertrand Chamayou, dessen taktile und intellektuelle Brillanz ihn schon längst zum besten Interpreten gemacht hat, den die Musik von Maurice Ravel je hatte. Dass dieser Übervirtuose, der äußerst bescheiden, nachdenklich und seinen Partnern in Gespräch und Musik sehr zugewandt auftritt, auch Sinn für die schlichte, aber tiefe Trauer im langsamen Satz des Horntrios von Johannes Brahms besitzt, hat wohl manchen überrascht, aber alle bezaubert.

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