https://www.faz.net/-gqz-9ebmv

Kammermusik in Jerusalem : Eichendorffs Burg im Schatten Zions

Mit streng geführter, leichter, aber zugleich körperreicher, erdverwachsener Stimme: der Bariton Gyula Orendt, begleitet von Elena Bashkirova Bild: Dan Porges

Gerade einmal fünf Tage lang, mit exzellenten Künstlern und programmatischem Luxus ohnegleichen: Das Jerusalem Chamber Music Festival bringt versöhnlich Leben in die Stadt der zänkischen Zungen.

          Am Abend, kurz nach Sonnenuntergang, wenn der Himmel blassblau über den sandfarbenen Häusern leuchtet und der Wind durch die Säulengänge des YMCA-Gebäudes – dieser monumentalen Karawanserei aus Neoromanik, Art déco und Kolonial-Orientalismus – streicht, da sagt Elena Bashkirova in einem raren Moment heiteren Nichtstuns plötzlich: „Ach, ist das nicht schön? Wir sitzen hier in Jerusalem. Es ist Schabbat – und es gibt ein Konzert. Menschen! Leben!“ Man muss hierherkommen, muss diese Stadt sehen, prächtig, aber erstarrt, dieses bewohnte Freilichtmuseum abrahamitischer Religionen, um zu ermessen, wie wenig selbstverständlich die Existenz des Jerusalem Chamber Music Festivals ist, das die Pianistin seit einundzwanzig Jahren leitet.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Es ist Frieden in der Stadt, gewiss, aber ein Frieden gestauter Aggressivität. Alle Religionen, die Jerusalem für ihre Heilsgeschichte beanspruchen, belauern sich gegenseitig. In der Via Dolorosa, kurz vor der Grabeskirche, wo Menschen, die sich Christen nennen, Steine küssen, als habe sie die frohe Botschaft, dass Jesus Christus auferstanden und nicht mehr hier sei, nie erreicht, hört man den Muezzin rufen „Allah ist groß“. Auf den Giebeln über dem arabischen Viertel prangt trotzig die Staatsflagge Israels; in den Gassen darunter werden T-Shirts verkauft mit dem Aufdruck der Suchmaske von Google und der Eingabe „Israel“ samt der Rückfrage „Meinten Sie Palästina?“

          Es ist die Stadt der zänkischen Zungen. Jeder stichelt gegen jeden. Alle rüsten auf. Die Zahl der vollverschleierten Frauen auf den Gassen habe zugenommen, so hört man, und der Einfluss der Rabbiner auf das Alltagsleben wachse mehr und mehr. Das YMCA, die Residenz des Vereins Christlicher Junger Menschen, zwischen 1924 und 1933 mit kräftiger Hilfe aus den Vereinigten Staaten errichtet, beherbergt einen wunderbaren Konzertsaal. Der Ort sei eine Insel säkularer Kultur, sagt Bashkirova.

          Fein abgestufte Wechsel im Frage-Antwort-Spiel

          In diesem Jahr hat sie ihr Festival auf fünf Tage verkürzt, um die Künstler, die allesamt exzellent sind und ohne Honorar hierherkommen, möglichst lange am Ort halten und für die Werke stets neu gruppieren zu können. Das ist ein programmatischer Luxus ohnegleichen. Da kann der phantastische Oboist Ramón Ortega Quero an einem Abend die heiter verspielten „Sechs Metamorphosen nach Ovid“ von Benjamin Britten blasen, nachdem er tags zuvor mit Madeleine Carruzzo an der Bratsche (samt einem intensiv mürben Ton) und Yael Kareth am Klavier eine kostbare Rarität zutage gefördert hatte: die zwei Rhapsodien von Charles Loeffler, Beispiele eines delikat-morbiden Symbolismus, von Frankreich nach Amerika exportiert. Da finden sich weltgewandte Solisten wie die Geigerin Latica Honda-Rosenberg und Krzysztof Chorzelski an der Bratsche mit Kirill Zlotnikov, dem Cellisten des Jerusalem String Quartet, zusammen, um Ludwig van Beethovens ausgefuchstes, satztechnisch gewitztes Streichtrio G-Dur op. 9 Nr. 1 zu spielen – und Zlotnikov ist es, der das Spiel anheizt, Pässe zuspielt, Pointen setzt. Wenn dann in Beethovens Septett op. 20 der Fagottist Klaus Thunemann und der Hornist Ben Goldscheider, die fast ein halbes Jahrhundert Lebenszeit voneinander trennt, nebeneinander sitzen, wird die Musik zum beglückenden Mehrgenerationenhaus.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Torwartwechsel: Manuel Neuer (l.) verteidigt seine Position gegenüber Marc-Andre ter Stegen

          Ter Stegen gegen Neuer : Zeit für einen Torwartwechsel?

          Keine Position im Fußball wird so gerne diskutiert wie die zwischen den Pfosten. Nur wenige Torhüter haben den Nummer-1-Status in der Nationalmannschaft konservieren können – und es ins kollektive Gedächtnis geschafft.
          Michael Jürgs starb im Juli mit 74 Jahren

          Michael Jürgs’ letztes Buch : Wer tot ist, muss sehen, wo er bleibt

          Eine Seele wirft keinen Schatten: Der Journalist Michael Jürgs hat zwei Wochen vor seinem Ableben sein letztes Buch beendet. In „Post mortem“ surft er durchs Jenseits und trifft dort höchst lebendige Tote.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.