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Kammermusik in Jerusalem : Eichendorffs Burg im Schatten Zions

Bashkirova, die das Festival seit einigen Jahren auch unter dem Namen „Intonations“ ins Jüdische Museum ihrer Heimatstadt Berlin exportiert, macht die Programme überwiegend selbst und erstellt auch alle Probenpläne. Wichtig ist ihr die Integration des Liedes in die instrumentale Kammermusik. Anna Samuil singt, begleitet von Yael Kareth am Klavier, Lieder von Erich Wolfgang Korngold: Satt, üppig, generös ist ihr Sopran bei den deutschen Texten; geschmeidig, neckisch, leichtfüßig bei denen von William Shakespeare. Bashkirova selbst begleitet Dorothea Röschmann, die in den Liedern von Gustav Mahler und Johannes Brahms nicht nur die Konsonanten deutlich spricht, sondern auch sorgfältig auf genaue Vokalfärbung achtet, jedes A, E, I, O, U auf eigene Weise ansetzt, manchmal auf Kosten der sängerischen Phrase, immer aber zugunsten der Textverständlichkeit. Und sie findet für Mahlers Lied „Liebst du um Schönheit“ fein abgestufte Wechsel im Frage-Antwort-Spiel, geborgen in einem freundlich überlegenen Konversationston, der ihre ganze Meisterschaft verrät.

Sinn für die schlichte, tiefe Trauer

Auch den aufstrebenden Bariton Gyula Orendt, der an der Berliner Staatsoper in großen wie in kleinen Rollen immer wieder aufhorchen ließ, hat Bashkirova nach Jerusalem holen können: für Robert Schumanns Liederkreise op. 24 und op. 39. Orendt, dem das erlesene, an Prozessen der Harmonik orientierte Klavierspiel Bashkirovas auf kluge Weise Zielpunkte der sängerischen Phrasierung vorgibt, singt mit streng geführter, leichter, aber zugleich körperreicher, erdverwachsener Stimme. „Auf einer Burg“ nach Joseph von Eichendorff gelingt beiden mit einer solch konzentrierten Versunkenheit, dass hier das Sagen als Zur-Sprache-Bringen von Welt, nicht als bloßes Bezeichnen oder Erzählen, sondern als Ins-Sein-Rufen mit seiner ganzen, unheimlichen Magie neu erfahrbar wird.

Im Publikum sind manche, denen die deutsche Sprache noch von Kindheit an vertraut ist. Lippen von Greisen bewegen sich zu den Texten der Lieder; ihr Atem wird manchmal schwer, der Blick trübe. Es sind überwiegend säkular eingestellte Juden aus dem Großraum Jerusalem, die zu den Konzerten kommen, aber auch zahlreiche Touristen, von denen die Stadt ohnehin lebt. Dass die Hörer überwiegend sehr alt sind, stört Bashkirova nicht mehr. Sie kennt das seit zwei Jahrzehnten: „Das sind inzwischen ganz andere. Da ist eine ganz neue Generation alter Menschen nachgewachsen“, sagt sie mit Lachfalten in den Augenwinkeln.

Bei den Künstlern wächst eine neue Generation junger Menschen nach mit phänomenalen Fähigkeiten. Zu ihnen gehört der Pianist Bertrand Chamayou, dessen taktile und intellektuelle Brillanz ihn schon längst zum besten Interpreten gemacht hat, den die Musik von Maurice Ravel je hatte. Dass dieser Übervirtuose, der äußerst bescheiden, nachdenklich und seinen Partnern in Gespräch und Musik sehr zugewandt auftritt, auch Sinn für die schlichte, aber tiefe Trauer im langsamen Satz des Horntrios von Johannes Brahms besitzt, hat wohl manchen überrascht, aber alle bezaubert.

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