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Musikfestspiele Potsdam : Beseelung statt Aktualisierung

  • -Aktualisiert am

Beim Schäferspiel: Florian Goetz, Lydia Teuscher und Marie Lys (von links nach rechts) Bild: Stefan Gloede

Das Schlosstheater Friedrichs II. von Preußen im Neuen Palais ist saniert. Die Musikfestspiele Potsdam-Sanssouci nahmen es mit Georg Philipp Telemanns „Pastorelle en musique“ hinreißend in Besitz.

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          Gelungene Oper kann so unkompliziert sein. Es braucht nur das Vertrauen des Regisseurs in sein Publikum und dessen Fähigkeit zur selbständigen Transferleistung. Im rindenbraunen Wams treten die männlichen Darsteller auf die Bühne des frisch sanierten Schlosstheaters im Neuen Palais von Sanssouci, in weit fallenden, wiesengrünen Kleidern die Frauen. Harmonisch eingebettet sind sie damit in die Farbigkeit von Kulissen und Prospekt (Ausstattung: Johannes Ritter). Ein Wald ist hier zu sehen, der sich in eine liebliche, mitteldeutsch anmutende Landschaft öffnet: Flusslauf, Burgen und im Hintergrund Gebirge. Dass sich der Himmel des Bühnenprospekts im dritten Teil dieser „Pastorelle en musique“ von Georg Philipp Telemann einmal rot färbt, ist die einzige Änderung im Bühnenbild während zweistündiger Spielzeit.

          Langweilig wird es deshalb nicht, weil Regisseur Nils Niemann vor unbewegtem Hintergrund ein zart bewegtes Spiel entfaltet. So ausdifferenziert ist das Repertoire an mimischem und gestischem Vokabular, dass kleinste Abweichungen vom Gewohnten, etwa eine schräge Haltung des Kopfes, ein seitliches Verdrehen der Augäpfel, eine Nuance in der Art zu schreiten oder die Arme zu bewegen, das Geschehen auf der Bühne in eine ganz neue Richtung lenken können. All das ereignet sich leichtfüßig, elegant und anmutig. Es sind ästhetische Streicheleinheiten für den Betrachter.

          Erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt

          Gleich zu Beginn schon, nach der festlichen, wie ein Concerto sich gebenden Ouvertüre, erscheinen sämtliche Darsteller als Chor auf der Bühne und laden das Publikum mit Gesten lächelnder Verbindlichkeit zur geistigen Teilnahme ein. Pädagogische Winke sind das, die ihre Wirkung nicht verfehlen: Wie von selbst erschließen sich die Themen des Stückes, das Telemann während seiner Zeit als städtischer Musikdirektor in Frankfurt am Main wohl für eine Hochzeit schrieb und das erst Anfang der Zweitausenderjahre wiederentdeckt wurde im damals noch nach Kiew ausgelagerten Archiv der Berliner Sing-Akademie.

          Um den Menschen geht es, der von existenzgefährdender Naturzerstörung noch nichts weiß und das Lauschen noch nicht verlernt hat; es geht um die Liebe, über deren Verlauf hier starke Frauen bestimmen. „Freiheit soll die Losung sein“, singt Caliste (Lydia Teuscher) gleich zu Beginn des Stückes, untermalt von temperamentvollen Koloraturen, und setzt damit den Gegensatz von Freiheit und Form, der die Handlung dieses Schäferspiels vorantreibt. Für die Form steht dabei die Förmlichkeit der Inszenierung mit ihren Gesten aus historischer Praxis und mit der konzentrierten Körperspannung der Darsteller. Ist solche Form in Gefahr, wird hart für ihre Wiedererlangung gekämpft: „Ich kann mich nicht zwingen“, singt Damon, der von Caliste zunächst abgelehnt wird. „Du musst dein Herze fassen“, antwortet ihm sein Freund Amyntas im Appell an die lebenserhaltende Spannkraft. Der endgültige Verlust der Form bedeutet hier nichts anderes als den Tod. Freiheit und Form bringen derweil Dorothee Oberlinger und ihr „Ensemble 1700“ zu gelungenem Ausgleich.

          Dorothee Oberlinger als Dirigentin

          Beweglich und reaktionsschnell spielt dieses Ensemble und vermag, kollegial angeleitet von seiner Dirigentin, feine Farbwechsel in Szene zu setzen. Dogmatisch, im Sinne einer eifernd aufgegriffenen historischen Aufführungspraxis klingt hier nichts, belebt und beseelt hingegen fast alles. Den nonchalant französischen Ton, den Telemann hier ein ums andere Mal aufgreift (eine Vorlage von Molière floss mit in das Stück ein), treffen Oberlinger und ihr Ensemble mit Selbstverständlichkeit und werden ebenso mühelos der weit greifenden Melodik gerecht, wie sie Telemann von Italien her zufloss.

          Auf der Bühne stehen starke Sängerinnen und Sänger: die Sopranistin Lydia Teuscher als Caliste zwischen schnippischem Temperament und reifer Innerlichkeit, Marie Lys’ Iris hat innere Glut, der Amyntas des Countertenors Alois Mühlbacher schillernde Brillanz, Florian Götz’ Damon verletzliche Kraft, Virgil Hartinger singt die komische Figur des Knirfix mit einnehmend weichem Tenor.

          Bei den Musikfestspielen Potsdam ist Telemanns Oper einer der Höhepunkte in diesem Jahr. Präsentiert wird dort zwar eine leicht reduzierte Variante des Programms, das die Intendantin Dorothee Oberlinger unter dem Namen „Flower mit Power“ eigentlich schon für das vergangene Jahr zusammengestellt hatte. Von den Unwägbarkeiten der Pandemie ließ man sich aber nicht entmutigen. Die Veranstaltungen werden im Internet als kostenloser Livestream übertragen, Verpflegung kann man bei einem örtlichen Caterer bestellen und nach Hause liefern lassen, in einer virtuellen Künstlerkneipe ist nach dem Konzert sogar der persönliche Austausch zwischen Publikum und Künstlern möglich. Im für 2,8 Millionen Euro sanierten Schlosstheater haben unter Pandemiebedingungen derweil achtzig Besucher Platz, die nach der Aufführung des Schäferspiels in die Abendluft von Preußisch-Arkadien treten: Der Mond steht am Himmel, die Grillen zirpen, der Park von Sanssouci atmet die Hitze des Sommertages aus. Es sind solche Verbindungen von Kunst und Ort, die die Musikfestspiele Potsdam auch im dritten Jahr von Oberlingers Intendanz so besonders machen.

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