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Bücherwerfen in Paris : Mätschik Bukfeit

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Eine Hockeymontur schützt nicht nur auf dem Eis, sondern auch vor fliegenden Büchern. Bild: dpa

Ein Sport für die Lebensleeren und Grundlosen: Im Pariser Palais de Tokyo bewirft man einander mit Büchern. Eine Traditionslinie von diesem „Mix aus Kampfsport und Aktionskunst“ weist nach Graz.

          Lange haben wir nichts mehr von ihnen gehört. Von Charly und Birgit, Joe und Monika. Dämonen eines dschungelschwülen Nachmittags im Jahre 1968. Ein Jahr eigentlich, in dem es immer nur Nacht zu sein hatte – aus dem einen Grund, weil alle an den Silberstreif des kommenden Morgen glaubten. Morgen! Morgen! – war der Gruß jenes Jahres, in dem alle diesen Silberstreifglauben an das Ende der Nacht hatten. Ein Nachmittag, ein schwül gelähmter gar, war damals nicht vorgesehen. Ihn besetzten Charly und Birgit, Joe und Monika, Protagonisten des wunderbaren feuchtheißen Theaterstücks „Magic Afternoon“ des Grazer Dramatikers Wolfi Bauer (1941 bis 2005). Er war damals siebenundzwanzig und glaubte an keine Gründe, keine Silberstreifen, kein Morgen. Nur daran, dass „nämlich die Wöld unhamlich schiach“ sei. Deshalb werfen sich Joe, ein Schriftsteller, dem nichts mehr einfällt, und Charly, ein Dramatiker, der mit Birgit Platten hört, während er kein Drama schreibt, außer ein Drama, in dem zwei auf der Bühne sitzen und Platten hören – sich unaufhörlich Bücher an die vom Alkohol, vom Hasch und von der „Manipuläschn“ erhitzten Birnen.

          Es fliegen durch die Luft: „Scheiß-Dürrenmatt, Scheiß-Pinter, Scheiß-Albee, Scheiß-Walser, Scheiß-Grass“, und dann („fröhlicher werdend“ steht in der Regieanweisung) „Scheiß-Ionesco, Scheiß-Beckett“, dann „eine abschließende Balgerei mit Klassikern: Scheiß-Goethe, Scheiß-Schiller usw.“ Bücherschmeißen als Füllselsport für die Lebensleeren und Grundlosen. Dass Joe von Birgit am Ende dieses „mätschik Bukfeit“ (um im Wolfi-Idiom zu bleiben) mit einem Messer abgestochen wird, ändert nichts an der Leere. Und leider auch nichts daran, dass „Magic Afternoon“ nicht mehr gespielt wird (dabei passte es mit seiner Gewalt der Ödnis und Grundlosigkeit so herrlich in viele spätere Zeiten!). Wenn aber jetzt die Nachricht kommt, es hätten im Keller des Pariser Musée Palais de Tokyo vierzig jugendliche Protagonisten, angetan mit eishockeytorwartähnlichen Helmen und Schutzanzügen, sich heftigst mit alten Büchern beworfen in einem „Mix aus Kampfsport und Aktionskunst“, dann könnte man ja fast wieder an das glauben, von dem niemand mehr glaubt, dass es das Theater noch hat: nämlich Wirkung. Auch wenn das noch so lange dauert. Man denke: Die Gespenster eines ziemlich ungespielten alten Grazer Stücks spuken nach Jahrzehnten im Pariser Untergrund! Zwar museal, aber immerhin.

          Nur dass Birgit und Charly, Joe und Monika damals in Graz keine Schutzanzüge hatten. Und es sich die vierzig Nachahmungsschluris sehr bequem machen. Aber wenn der dortige Kampfrichter, Monsieur Duranton, meint, bedrucktes Papier sei ohnehin „nicht mehr als ein Code“ und der Bücherfight „eine Metapher zum digitalen Wandel“, und man so „Kultur neu inszenieren“ wolle – dann denkt man gerne an die schönste Szene aus „Magic Afternoon“ zurück. Da versuchen Joe und Charly, eine Weltkugel im Abort runterzuspülen. Die Welt aber bleibt, was sie ist.

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