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Im Konzert: Low : Wenn man nur wüsste, wo man hingehört

Alan Sparhawk ist Sänger und Gitarrist der Band „Low“ Bild: Marcus Kaufhold

Fundamentalismus in Bewegung: Die mormonische Band Low gibt ein Konzert in Frankfurt und verzichtet auf ein großes Brimborium. Die Musik entfaltet sich aus der Verschlossenheit.

          3 Min.

          Vor allem Anfang war der Klang. Alan Sparhawk nimmt die Gitarre in die Hand, legt die Finger auf das Brett, zupft. Aber um ihn herum ist längst ein ewiges Wabern, ein dunkles Schwirren, spannt sich ein Bogen aus, Urmelodiematerial vor jeder rhythmischen Gliederung. Der erste planvoll hervorgebrachte Ton ist kein Einschnitt, sondern leitet einen Prozess der Steigerung, Erweiterung und Rückversicherung ein, legt eine Bewegung offen, die schon im Gang ist.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der erste Vers, den meistens Sparhawk und manchmal Mimi Parker singt, kommt immer getragen daher, auf eng gestaffelten Klangschichten schwebend. Wie das körnige Gekräusel, das Mimi Parker mit ihren Besen auf dem Schlagzeug erzeugt, mag man sich den Äther vorstellen, das fünfte Element, das die moderne Physik zum Verschwinden gebracht hat, dicht und durchlässig zugleich. Steve Garrington am Bass sorgt für die Bewegung der Fundamente. So baut sich, Stück für Stück, kraft einer Logik des Organischen, die keine Fugen bestehen lässt, ein Low-Song auf.

          Der einfache Schriftsinn ist nur eine Insel im Meer des Mysteriums

          Man empfängt einen mächtigen Eindruck von Materialität. Die Musik scheint im Raum zu stehen, als befände man sich im Innern eines Glockenturms. Aber nicht mit übermäßiger Lautstärke oder ornamentaler Überfrachtung wird diese Wirkung des Plastischen erreicht. Die Wucht kommt im Gegenteil aus der Zurückhaltung: Hinreißend ist die Sprödigkeit der Ausdruckswelt der Band aus Minnesota. Diese puristische Seite ihrer musikalischen Sprache mag man Spiritualität nennen. Himmelsschwere wäre eine Formel für die von Low produzierte Stimmung.

          Die Eheleute Sparhawk und Parker sind Mormonen; die theologischen Anspielungen ihrer knappen Liedtexte lassen sich nicht als missionarische Botschaften entschlüsseln, aber gerade dieses Hermetische verweist auf die mormonische Kosmologie - und vielleicht auch auf die Schwierigkeit, im heutigen Amerika ein Leben gemäß dem Buchstaben einer ebenso jungen wie primitiven Offenbarung zu führen. Die Texte sind in der Musik eingekapselt; statt von Vertonung von Versen könnte man von Umtonung sprechen. Der Harmoniegesang von Sparhawk und Parker ist die emblematische Variante des Urmusters, das den Stil von Low prägt: Unter dem Gesetz der Engführung steht auch das Verhältnis von Wort und Ton. In schmerzlicher Deutlichkeit werden die einzelnen Verse exponiert, aber der einfache Schriftsinn ist nur eine Insel im Meer des Mysteriums.

          Die Geretteten bleiben Verlorene

          Am Konzert von Low im Frankfurter Sinkkasten gefällt, dass ihr Auftritt ohne Bombast auskommt. Für die musikalischen Äquivalente des Weihrauchs haben sie keine Verwendung. Hier schnurrt keine heilsgeschichtliche Mechanik ab: Die gewaltigen Steigerungen dokumentieren Stationen der Seelenarbeit - ein Garagentor scheint mit Hämmern traktiert zu werden in „Try to sleep“, dem unmöglichen Wiegenlied, das durch Besänftigung beunruhigt. Nach „Drums and Guns“, dem apokalyptischen Album von 2007, das als Protest gegen den Irak-Krieg verstanden worden ist, sind Low mit ihrer neunten, im Frühjahr veröffentlichen Platte „C’mon“ zu den Liebesliedern zurückgekehrt - damit aber keineswegs in ein Reich des Friedens.

          Das Lied „Nothing but heart“ ist das Lamento eines Patriarchen. Es beginnt damit, dass eine Rebellion zu Protokoll genommen wird. „I would be your king, / But you want to be free.“ So könnte auch Gott über den Menschen klagen. Sparhawk wiederholt dann ungefähr zwanzigmal den Vers „I’m nothing but heart“. Die Verzweiflung des Verschmähten, der nichts mehr fühlt außer dem Schmerz und keine Vorzüge mehr hat, die er anpreisen könnte, schlägt um in eine unheimliche Verheißung: Hier spricht ein neuer Mensch, der ganz und gar Organ der Liebe geworden ist, aber deshalb auch keine Rücksicht nimmt. Die mormonische Theologie kennt die Erbsünde nicht und tut sich daher schwer mit der Gnade. Bei Low bleiben die Geretteten Verlorene: Die allumfassende Harmonie erweist sich als unauflösliche Spannung.

          Sie sind keine Schwärmer

          In „Especially me“ spricht die Frau den Mann an. Ein metaphysischer Krach am Küchentisch, ins Tröstliche umgebogen durch melancholische Ironie. Wüsste man, wo man hingehört, wüsste man auch, wo man herkommt. „If we knew where we belong, / There’d be no doubt where we’re from.“ Die Einheit von Herkunft und Zugehörigkeit ist das Versprechen des Buches Mormon, das die Urgeschichte der Menschheit aufzudecken behauptet, um Bauanleitungen für das himmlische Jerusalem auf Erden zu geben. „But as it stands, we don’t have a clue, / Especially me, and probably you.“ Die Gattin hat den Schlüssel nicht, ist mit dieser Einsicht der Wahrheit aber wahrscheinlich näher als der Gatte, dem sie zunächst scheinbar überlegene Einsicht zuschreibt, wenn sie sich als besonders schimmerlos hinstellt. Dass die Liebe sich so listig vom Zweifel nährt, ändert nichts daran, dass das Menschenpaar nach Auskunft des Liedes auf die göttliche Erkenntnis verwiesen bleibt. „But as it stands, we all need the truth, / Especially me, and probably you.“

          Alan Sparhawk und Mimi Parker sind keine Schwärmer. Das Leitmotiv des Exorzismus in einem Lied wie „Witches“ lässt sich kritisch auf die in der mormonischen Überlieferung mitgeschleppten Phantasien gewaltsamer Reinigung der Gemeinschaft der Heiligen beziehen. Einige Lieder enden im Frankfurter Konzert abrupt, mit plötzlicher Pause. Selig sind die, die nicht glauben und doch hören.

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