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Im Gespräch: Yasmina Reza : Der Text fliegt vorbei

  • Aktualisiert am

Bewusste Distanz zum Kritiker: Yasmina Reza Bild: Pascal Victor/ArtcomArt

Die Zeit ist einfach nicht aufzuhalten: Die Autorin von „Der Gott des Gemetzels“, Yasmina Reza, über das Verhältnis von Kritikern und Autoren, von Angela Merkel und Sarkozy und von Theater und Literatur.

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          Sie sei diese Woche in Paris und könne am späten Nachmittag in das Hotel „Lutetia“ am Boulevard Raspail kommen, hatte Yasmina Reza ausrichten lassen. In einem auffällig eleganten Sommerkleid betritt die 53-Jährige, die mit ihren Stücken „Kunst“, „Drei Mal Leben“ und „Der Gott des Gemetzels“ zur meistgespielten zeitgenössischen Theaterautorin wurde, die Lobby. Sie ist charmant und voller Energie.

          Madame Reza, wir sind in einer ziemlich seltsamen Situation. Sie haben ein neues Theaterstück geschrieben, „Ihre Version des Spiels“, das im Oktober am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt wird. In diesem Stück geht es um eine Schriftstellerin, Nathalie Oppenheim, die es eigentlich hasst, Interviews zu geben, trotzdem bei einer Literaturveranstaltung zusagt und vor Publikum von einer Journalistin befragt wird. Das Ganze endet im totalen Fiasko. Und jetzt sitzen wir hier ...

          ... und werden sehen, wie es nachher endet. Das ist als Situation doch interessant!

          Die meisten Journalisten finden sich sehr wichtig. Rosanna Ertel-Keval, die Kulturjournalistin in Ihrem Stück, ist allerdings ein besonders penetranter Fall. Sie gibt gerne damit an, dass Julian Barnes ihr angeblich ein Gedicht gewidmet habe oder dass sie gerade mit „Philip“ telefoniert habe, womit sie Philip Roth meint, der sie zu sich nach Hause eingeladen hat. Ist diese Rosanna für Sie eine krasse Ausnahme oder doch eher die typische Journalistin?

          Sie ist beides. Ich erfinde niemals Figuren, die Prototypen sind. Das interessiert mich nicht. Ich möchte wirkliche Personen erschaffen, individuelle, unverwechselbare Charaktere, und das trifft auch auf Rosanna zu. Gleichzeitig findet man bei ihr aber etwas, das ich für sehr typisch halte: die Komplizenschaft zwischen Journalisten und Autoren, die miteinander befreundet sind und einander gerne einen Gefallen tun. Vielleicht ist das sehr französisch, oder gibt es das in Deutschland auch?

          Allerdings.

          Ich habe mich dem immer verweigert, und das ist sehr unbequem. Denn wenn man, wie ich, nicht mitmacht, grenzt man sich selbst automatisch auch ein wenig aus. Ich will Kritikern nicht nahe sein. Es ist mir unmöglich und hat keinen Sinn. Wenn Sie so wollen, hat meine Karriere als Schriftstellerin mit einem Kritiker-Drama angefangen.

          Sie waren befreundet?

          Ich hatte einen Freund, der ein bedeutender Kritiker war, nur hatte unsere Freundschaft damit nichts zu tun. Eines Tages hat er sich die Inszenierung meines zweiten Stückes, „Reise in den Winter“, angesehen. Und ohne es mir zu sagen, hat er es - nicht das Stück, das er sehr mochte, aber die Inszenierung - total verrissen. Ich habe seinen Text in der Zeitung entdeckt, und wir haben uns zerstritten. Als Freund hätte er mir sagen können: Ich mag die Inszenierung nicht. Aber er hätte nicht darüber schreiben dürfen, auch nicht positiv übrigens. Er hätte als Kritiker gar nicht über mich schreiben dürfen, eben weil er mein Freund war.

          Szene aus Roman Polanskis Verfilmung von „Der Gott des Gemetzels“ mit Kate Winslet (im Vordergrund), Jodie Foster und Christoph Waltz
          Szene aus Roman Polanskis Verfilmung von „Der Gott des Gemetzels“ mit Kate Winslet (im Vordergrund), Jodie Foster und Christoph Waltz : Bild: Constantin Film Verleih GmbH

          Die Schriftstellerin in „Ihre Version des Spiels“ lässt Rosanna Ertel-Keval ziemlich auflaufen. Rächen Sie sich in Ihrem Stück für alle dummen Fragen, die Ihnen im Laufe Ihrer Karriere in Interviews gestellt worden sind?

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