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Im Gespräch : Wogegen müssen wir revoltieren, Herr Theodorakis?

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„Ich erkläre Ihnen nur, was ich am Ende meines langen Lebens beobachte.” Bild: Illustration Burkhard Neie/xix

Die Filmmusik zu „Alexis Sorbas“ machte ihn weltberühmt, mit seiner Rückkehr aus dem Exil nach dem Sturz der griechischen Junta wurde er endgültig zum Volkshelden: ein Gespräch mit dem Komponisten Mikis Theodorakis.

          Das Haus des Komponisten ist nichts Besonderes, aber es steht ganz oben am Hang über Athen. Mikis Theodorakis liegt mit hochgelegten Beinen in einem Ledersessel; die langen Gliedmaßen wollen den riesigen Körper nicht mehr tragen.

          Wie geht es Ihnen, Herr Theodorakis? Was macht Ihre Gesundheit?

          Sie sehen es ja selbst - meine Unpässlichkeiten und gesundheitlichen Probleme sind stabil. Man schlägt sich so durch als betagter Mann, man lebt.

          Sie werden im Juli vierundachtzig. Was würden Sie tun, wenn Sie dreißig Jahre jünger wären?

          Ich würde eine europäische Bewegung zur Rettung des kulturellen Lebensraums gründen. So wie ich es schon 1988 in Tübingen erklärt habe.

          Sie haben damals im Beisein von Politikern, Philosophen und Schriftstellern - erwähnt seien Johannes Rau und Friedrich Dürrenmatt - Folgendes gesagt: "Wenn der Boden, die Erde, unter der Herrschaft des Asphalts verschwindet, versuchen die traurigen Stadtbewohner ein paar Blumen in Töpfe zu pflanzen. Je mehr sich unser Industriezeitalter ausbreitet, umso mehr verwandeln sich die Erde der Gesellschaft und der Boden des Menschen in einen Asphalt der Gesellschaft und in einen Beton des Menschen. Wo kann der Same des Schöpfers noch eingepflanzt werden, damit er Wurzeln schlägt?"

          Das ist die Frage, die ich mir immer noch an jedem einzelnen Tag stelle. Was müssen wir tun, damit der Same Wurzeln schlagen kann?

          Ein großer Teil der jungen Griechen sagt jetzt: Wir müssen Widerstand leisten gegen das, was Sie mit "Asphalt" und "Beton" umschreiben. Was haben Sie empfunden, als im vergangenen Dezember in Athen Kinder und Jugendliche einen Teil der Innenstadt verwüstet, Kaufläden zerstört, Häuser und Autos angezündet haben?

          Zerstörung und Verwüstung sind nicht meine Methode. Wer Schaufenster einschlägt, schmiert der von ihm bekämpften Macht nur Butter aufs Brot. Übrigens sind diejenigen, die vor Weihnachten am schlimmsten getobt haben, nicht gleichzusetzen mit jenen, die tatsächlich etwas verändern wollen.

          Sie meinen die "koukouloforoi", die Kapuzenträger, wie sie hier genannt werden. Sie halten diese Vermummten für Provokateure?

          Ein Polizeihauptmann, mit dem ich vor Weihnachten sprach, sagte mir: "Wir könnten den ganzen Haufen in fünf Minuten ergreifen und einsperren. Wir hatten aber Befehl, das nicht zu tun. Wir hatten Anweisung, sie nicht zu stören." Sie sehen, dass es sich in vielen Fällen wohl um Agents provocateurs handelte. Sie kennen ja die griechischen Begriffe "parakratos" (Nebenstaat, Staat im Staate) und "vathokratos" (Untergrundstaat). Das Handeln dieser politischen Dunkelmänner - außerhalb und unterhalb aller demokratischen Regeln eines Rechtsstaats - verfolgt und hält uns in Atem seit 1949, dem Ende des griechischen Bürgerkriegs. Das gilt für ganz Europa, nicht nur für Griechenland. Denken Sie an Italien, an "gladio".

          In Griechenland geht es nicht nur um politische Veränderung und Untergrundpolitik. Es geht vor allem um Korruption, die in allen Institutionen zu Hause ist und den Staat überzogen hat wie ein Schimmelpilz. Die jungen Menschen, die vor Weihnachten den fünfzehn Jahre alten Alekos beerdigt haben, der von einem Polizisten einer albernen Provokation wegen erschossen worden war, klagten auf Flugblättern die Elterngeneration an: Ihr seht nicht, dass wir Liebe haben wollen, Verständnis und gute Schulen. Ihr seht nur den Mammon, materiellen Gewinn. Wie sollen die Jungen den korrupten Staat der Alten verändern?

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