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Im Gespräch: Luc Bondy : Peng, schon fließen Tränen

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Ich bin ein durch und durch zerrissener Mensch: André Müller im Gespräch mit dem Theaterregisseur Luc Bondy über seine Münchner „Tosca“-Inszenierung, die existentielle Angst vor dem Ungewissen und das flachere Denken des Schauspiels.

          Ich beginne mit einer Ihnen unerträglichen Frage.

          Bondy: Das habe ich erwartet.

          Wenn Ihnen die jemand stellt, schießen Sie, sagten Sie in einem früheren Interview, durch den Plafond.

          Das glaube ich nicht.

          Warum sind Sie zum Theater gegangen?

          Das ist die Frage?

          Ja, und ich schlage Ihnen gleich eine Antwort vor: weil Sie das Denken fliehen.

          Stimmt! Das Theater ist eine Therapie gegen . . . Wie sagt man?

          Gegen die Einsamkeit.

          Ja, und gegen die Todesangst, weil das Denken bei den Proben, das aus der Kommunikation mit den Schauspielern entsteht, von Natur ein flacheres Denken ist.

          Sie haben es das „horizontale Denken“ genannt.

          Ja, man geht nicht so in die Tiefe wie zum Beispiel beim Schreiben. Man muss Kompromisse machen.

          Das tiefe Denken, das Sie das „vertikale“ nennen, ertragen Sie nicht.

          Vielleicht, ja, weil es ins Nichts führt.

          Glücklich sind Sie nur auf der Bühne, umgeben von anderen.

          Was heißt glücklich? Ich kann bei der Arbeit mit den Schauspielern oder, wenn ich Oper inszeniere, mit den Sängern die Zeit vergessen. Ich vergesse mich selbst.

          Die Selbstvergessenheit ist das Glück.

          Ja, die Selbstvergessenheit ist das Glück. Deshalb bin ich so gepeinigt von Schlaflosigkeit, denn, wenn ich einschlafen will, kommen die Gedanken.

          Welche?

          Das ist so ein Kaleidoskop unvollständiger Gedanken. Die sind vollkommen zersplittert und unfruchtbar.

          Was machen Sie dann?

          Ich nehme Schlaftabletten. Es ist blöd, es zu sagen, aber wüssten wir mehr über den Tod, gäbe es nicht diese Angst. Wir sind dazu verdammt, nichts über den Tod zu wissen, und wir haben Angst vor diesem Ungewissen. Wir haben keine Angst vor einem bestimmten Zustand und auch nicht davor, dass wir das Leben verpassen. Ich war sehr oft krank, und als ich vor eineinhalb Jahren vier Monate im Krankenhaus lag und mich nicht bewegen durfte, weil mein Arzt sagte, dass, wenn ich mich bewege, mein Rücken bricht, hat mich der Peter Handke besucht. Da habe ich zu ihm gesagt: Es ist vollkommen wurscht, ob man liegt oder geht oder steht, es ist kein Unterschied, die Zeit vergeht so oder so.

          Eine gute Ablenkung vom Denken ist auch die Liebe. Denn Liebe macht dumm.

          Ja.

          Je dümmer man ist, desto glücklicher ist man.

          Ja, aber die Blödheit entsteht ja dadurch, dass man bewusst etwas nicht wissen will, dass man etwas ausschaltet, dass man sich stumpf macht, um das Wissen zu reduzieren, die Aufmerksamkeit und das Fühlen.

          Ist Sexualität die Rettung?

          Kann sein, aber die dauert ja nur sehr kurz. Die Selbstvergessenheit im Sex wird immer kürzer, je älter man wird. Es gibt wahrscheinlich nichts Schwierigeres, als sich gehen zu lassen. Ich nehme die Tabletten nicht nur zum Schlafen, sondern auch zur Beruhigung. Ich bin ein durch und durch zerrissener Mensch. Aber als ich vor drei Jahren einmal mit Jane Birkin zusammensaß, erzählte sie mir, sie schlucke noch mehr als ich. Da war ich ganz froh.

          Was quält Sie?

          Ich quäle mich selbst. Ich bin ein sehr genussfreudiger Mensch, aber ich quäle mich. Ich bin Hedonist und zugleich Masochist. Das liegt nah beieinander. Ich bekam mit fünfundzwanzig Jahren die erste Krebsdiagnose. Die Form des Tumors, den ich habe, nennt man Teratom. Das ist eine angeborene Geschwulst, die entsteht, wenn man eigentlich Zwilling ist. Der zweite Fötus wird aber, statt sich zu entwickeln, vom anderen absorbiert. Diese Spaltung ist nun in mir immer da. Ich bin vollkommen widersprüchlich.

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