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Im Gespräch: Joyce DiDonato : Lieben Sie denn auch Jazz, Frau DiDonato?

  • Aktualisiert am

Joyce DiDonato: „Die Oper blieb mir lange Zeit ein Buch mit sieben Siegeln!” Bild: Burkhard Neie

„DivaDivo“ heißt die gerade veröffentlichte neue CD, auf der Joyce DiDonato Arien von Mozart bis Manet interpretiert. Ein Gespräch mit der Opernsängerin über ihre Karriere, die Freiheit beim Singen und die richtigen Dirigenten.

          7 Min.

          Kennen Sie überhaupt so etwas wie Lampenfieber, Frau DiDonato?

          Ja! Aber im positiven Sinne. Mein Adrenalinpegel schnellt eigentlich immer hoch, sobald ich eine Bühne betrete. Sogar bei den Proben ist das so. Eine Bühne ist für mich ein magischer Ort. Nicht nur wegen der Musik, auch der Geschichten wegen, die wir Sänger erzählen müssen. Da geht es um alles, um Liebe, Zweifel, Hoffnung, Trost, Tod. Um das wahrhaftig zu gestalten, müssen wir unsere ganze Energie hineingeben, und letztlich schöpfe ich meine Energie aus den Geschichten und aus der Musik.

          Ihr neues Plattenalbum heißt „DivaDivo“. Halb Mann, halb Frau, aber auf jeden Fall göttlich! Sind Sie eine gespaltene Persönlichkeit?

          Sind wir Sänger das nicht alle? Ich singe bei diesem Programm im Wechsel Arien aus Männer- und Frauenrollen, das ist das Vorrecht von Mezzo-Sopranen. Wir können beides singen, manchmal spielt sich das sogar innerhalb einer Oper ab. So singe ich zum Beispiel erst den Cherubino, dann die Susanna aus Mozarts „Figaro“. Aber grundsätzlich singe ich immer nur die Partien, in denen ich auch einen Teil von mir selbst wiedererkenne. Oder zumindest einen neuen Teil in mir kennenlernen möchte, etwas, das vielleicht irgendwo in mir schlummert.

          Steckt hinter diesem Plattentitel nicht auch wieder eines dieser Konzepte, die die Plattenfirmen ihren Künstlern neuerdings abringen?

          Stimmt, „Themen-Alben“ stehen zurzeit hoch im Kurs, weil sie sich wohl besser verkaufen. Das ist legitim. Aber deswegen muss ich mich als Musiker doch nicht gleich verbiegen! Alle diese Arien, die ich auf diesem Album singe, spiegeln doch das ambivalente Wesen eines Mezzo-Soprans: eine gewisse Ambiguität. Wir haben einerseits klassisch weibliche Rollen, aber wir spielen auch männliche Liebhaber, wie den Romeo in „I Capuleti e i Montecchi“ oder den Komponisten wie in „Ariadne auf Naxos“ - und der hat wahrlich wenig wirklich Feminines an sich. Ja, in einem Mezzo-Sopran leben sozusagen immer zwei Seelen, mindestens.

          Auf Ihrer Internetseite geben Sie ausführlich Auskunft auch zu dieser Aufnahme. Sie unterhalten dort einen eigenen Blog - als „Yankeediva“. Sehr ungewöhnlich für eine Opernsängerin . . .

          Ich genieße es! Ich liebe das Bloggen, obwohl ich keinen Schimmer habe, ob überhaupt irgendjemand wichtig findet, was ich da schreibe. Meine Leidenschaft ist einfach die Kommunikation: auf der Bühne, aber auch sonst im Leben. Wenn ich singe, ist das eine Art der Kommunikation, die im Grunde völlig irre ist, total übertrieben: herumstehen und seine Gefühle singend in die Welt hinausposaunen! Beim Schreiben ist das etwas ganz anderes, übrigens auch beim Fotografieren. In diesen beiden Fällen verläuft die Kommunikation dezenter.

          Aber die Richtung ist und bleibt einseitig: Der Impuls der Kommunikation geht von Ihnen aus. Ihre Gegenüber sind doch in aller Regel anonym, wie im Konzertsaal auch. Ihr Publikum kann nie eingreifen, nur reagieren; indem es in der Oper klatscht, im Internet mailt.

          Ist das so schlimm? Ich nehme die Opernliebhaber sozusagen bei der Hand. Viele der Fans wollen doch gerne mal Mäuschen spielen und einen Blick hinter die Kulissen des Betriebs werfen. Das biete ich ihnen im Blog. Ich kann erklären, was ich gerade tue und warum ich es tue. Bei einer CD-Aufnahme steht am Ende nur das fertige Produkt im Regal, aber nicht der Mensch dahinter. Den können die Leute im Internet kennenlernen, etwa wenn ich eine Art Tagebuch zu den Aufnahmesitzungen schreibe und die Entstehung der Platte step by step dokumentiere.

          Dient so ein Produktionstagebuch auch Ihrem eigenen Lernprozess?

          Absolut. Ich sehe nachher in vielem klarer, was ich eigentlich will.

          Als sechstes von sieben Kindern dürften Sie sich früh daran gewöhnt haben, sich behaupten zu müssen.

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