https://www.faz.net/-gqz-y50h

Im Gespräch: Joyce DiDonato : Lieben Sie denn auch Jazz, Frau DiDonato?

  • Aktualisiert am

Sie sind berühmt geworden mit Händel und Rossini: mit Koloraturgesang aus zwei sehr unterschiedlichen Epochen. Aber in beiden geht es vor allem um Artistik, und die Gefahr besteht, dass die Koloraturen eine zu sportliche Note bekommen, quasi nach dem Motto: Nur die Bestzeit zählt.

Es gibt Arien, in denen die Koloratur wie ein Artefakt wirkt: als dekorativer Selbstzweck. Auf der anderen Seite gibt es Arien, in denen durch die Koloratur bestimmte Gefühle verstärkt oder überhaupt erst zum Ausdruck gebracht werden sollen. Ich versuche, gerade im ersteren Falle, nichts „sportlich“ zu nehmen, ich finde, man muss da unbedingt gegensteuern. Der sportliche Aspekt hat nichts verloren in der Musik, außer vielleicht im präzisen Zusammenwirken zwischen Orchester, Sänger und Dirigent. Mein Job ist, die Noten mit Bedeutung zu versehen. Das erleichtert mir selbst einen besseren Zugang, und es steigert die Expressivität meines Vortrags: meine Glaubwürdigkeit.

Der Grat zwischen Expressivität und Manierismus kann sehr schmal sein beim Koloraturensingen. Zu viel wirkt leicht überdreht; und gibt der Sänger zu wenig, wirkt es flach. Wie finden Sie das richtige Maß?

Schwer zu sagen. Es hat viel mit Intuition und Erfahrung zu tun - vor allem mit genauem Hörvermögen. Wenn ich übertreibe, höre ich selbst das sofort, und ich weiß, dass ich mich beim nächsten Mal zurücknehmen muss. Von Natur aus neige ich aber eher zu größerer Vorsicht. Das ist zugleich die Kehrseite der Medaille, meine Furcht vor Übertreibungen lässt mich die Partien eher wohldosiert angehen. Einige Kollegen sind da völlig anders gestrickt, sie scheuen kein Risiko. Letztlich bleibt es auch eine Frage des Geschmacks - auch für den Dirigenten. Die einen haben es gerne etwas saftiger, kräftiger, die anderen sagen: Weniger ist mehr. Das spiegelt insgesamt das Wesen der Oper, mal geht es in ihr übertrieben und derbe und ein bisschen schmutzig zu, mal ganz rein und fein und verinnerlicht.

Was Sie da sagen, das klingt schon wieder ein bisschen nach Musical. Sie stammen aus Kansas, kann es sein, dass der Jazz nicht völlig an Ihnen vorbeigerauscht ist?

Wenn ich Ella Fitzgerald höre, dann will ich das immer wieder herausfinden: Wie macht sie das gerade? Was macht sie da mit ihrer Stimme? Und ich gestehe: Ich bin davon nicht unbeeinflusst. Aufregend wird es, wenn ich etwas davon in meinen Gesangsstil zu übertragen versuche. Es wirkt persönlicher, manchmal wie improvisiert.

Dagegen hätten weder Mozart noch Rossini etwas einzuwenden!

Vom Komponisten bekommen wir nur die Architektur der Musik geliefert, den Rahmen oder das Gerüst. Ich muss dieses „Haus“ dann bewohnbar machen und meine Persönlichkeit einbringen. Wenn ich „Una voce poco fa“ aus Rossinis „Barbiere“ singe, probiere ich immer etwas anderes aus, mal eine andere Phrasierung, dann wieder eine völlig andere Klangfärbung. Das ist ein bisschen wie beim Jazz, wenn man ständig etwas Neues testet.

Und dann brauchen Sie nur noch einen Dirigenten, der das auch mitträgt.

Ja, darin liegt ein grundsätzliches Problem. Der Belcanto genießt bei den Dirigenten nicht den besten Ruf. Sie achten vor allem auf das Orchester, und beim Belcanto hat das Orchester Begleitfunktion, außer „Um-tatata“ passiert da nicht allzu viel. Belcanto ist eben kein Alban Berg, kein Richard Strauss. Doch die wirklich großen Dirigenten besitzen vor Belcanto-Opern den Respekt. Claudio Abbado hat mir einmal erklärt, dass es für den Dirigenten eine besonders hohe Konzentration bedeutet, das Orchester in einem Spannungzustand zu halten, gerade bei Rossini. Auf den ersten Blick wirkt der Orchesterpart vielleicht simpel, doch das genau ist der springende Punkt: Wenn das Orchester die wenigen Akzente, die es hat, spannungslos und schwammig spielt, kann oben auf der Bühne noch so toll gesungen werden - es wird immer ein gewisser Hitzegrad an Feuer fehlen.

Weitere Themen

Die ewige Sekunde

FAZ Plus Artikel: Belcanto : Die ewige Sekunde

Die Frage der Bedeutung des Begriffs hat durch die Rückkehr der Barockoper Relevanz bekommen: Was bedeutet „Belcanto“ eigentlich? Und wo kommt der Begriff her? Verweile doch, du bist so schön!

Topmeldungen

Macbook Air, Macbook Pro und Mac Mini

Macbook mit M1-Chip im Test : Potzblitz

Die neuen M1-Rechner von Apple laufen nicht nur besser als gedacht, sondern sind Tempomaschinen. Geht es um die Software-Kompatibilität, gibt es eine große Überraschung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.