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Im Gespräch: Joyce DiDonato : Lieben Sie denn auch Jazz, Frau DiDonato?

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Ich würde eher sagen, ich habe früh gelernt, mich einzuordnen. Da unsere Familie sehr musikalisch ist, haben wir gelegentlich eine Art Mini-Chor gebildet, nicht nur zu Weihnachten. Außerdem hatten wir zwei Klaviere, an denen meine älteren Schwestern wechselweise übten. So haben wir vierstimmige Madrigale mit Klavierbegleitung gesungen. Außerdem war mein Vater Chorleiter. Jeden Sonntag saß ich in der Kirche und hörte, wie er Stücke von William Byrd, Palestrina oder Bach dirigierte.

Wie kommen Sie aus der Kirche zur Oper?

Die Oper blieb mir lange Zeit ein Buch mit sieben Siegeln! Wenn mein Vater Opernübertragungen im Radio anstellte, dann habe ich absolut gar nichts davon verstanden. Wildfremde Geräusche ohne Sinn! Also hielt ich mich lieber an meine Popmusik und an den Rock 'n' Roll. Eigentlich wollte ich immer Backup-Sängerin für Billy Joel werden - das war mein Traum. Erst als ich dann zum ersten Mal live in einem Opernhaus saß, änderte sich meine Einstellung schlagartig. Allerdings konnte ich mir damals noch nicht vorstellen, dass für mich als Sängerin jemals mehr möglich sein könnte als vielleicht eine kleine Rolle am Broadway.

Ihre Musical-Karriere ist dann aber fehlgeschlagen - erfreulicherweise.

Ich behaupte, dass jede Oper auch etwas von einem Musical hat. Und zwar in dem Sinne, dass die Geschichte, die in einem Bühnenstück erzählt wird, Gefühle wecken und dass sie funktionieren muss. Oper sollte immer auch unterhalten, genau wie das Musical. Außerdem wurden die Opern, die heute zum Repertoire gehören, ja ursprünglich auch immer für ein zeitgenössisches Publikum geschrieben, so, wie das Musical heute. Wenn ich auf einer Bühne stehe, kommt es mir in erster Linie darauf an, zu spielen und zu singen, ganz egal, in welchem Genre.

Es gibt aber doch Unterschiede zwischen den Genres, zumindest, was die Ausbildung und den Einsatz der Stimme angeht. Sie haben anfangs viel Mozart gesungen, vor allem den Idamante. Warum ist Mozart so wichtig für die Stimme?

Weil seine Musik die größte Herausforderung für einen Sänger darstellt, die man sich überhaupt vorstellen kann. Sie verlangt eine exzellente Technik und extreme Kontrolle. Außerdem ist für Mozart eine perfekte Reinheit des Tons nötig, die aber nie steril klingen darf. Sie sollte vielmehr so etwas wie Humanität zum Ausdruck bringen.

Wie geht das?

Das ist schwierig zu erklären. Ein Sänger muss die Technik so weit beherrschen, dass er sie wieder vergisst und eine eigene Freiheit beim Singen entwickeln kann, die ganz natürlich erscheint. Erst dann klingt die Stimme wirklich menschlich, erst dann kann sie intensiv und überzeugend wirken.

Freiheit beim Singen, was ist das?

Das Gefühl, es nicht allen recht machen zu können. Aber zugleich die Überzeugung, einzig den eigenen Klangvorstellungen zu folgen. Das macht frei! Wenn ich auf die Bühne komme, sehe ich vorne im Parkett Menschen sitzen, die richtig viel Geld für ihr Ticket bezahlt haben, und oben auf dem Balkon sitzen Leute, die hart dafür arbeiten mussten, um sich ein Ticket für zwanzig Euro leisten zu können. Sie alle sind hungrig danach, für drei Stunden aus ihrer Alltagswelt herausgerissen zu werden. Auch der Wunsch, in dieser Situation das Beste geben zu wollen, macht frei.

Was singen Sie lieber: eine Dorabella oder einen Idamante? Ist ein Beziehungsstück wie „Così fan tutte“ nicht leichter darzustellen als ein antiker, mythologischer Stoff?

Ja, aber das stimmt nur zum Teil. Ich muss als Sängerin jede Figur so weit mit Leben füllen, dass sie in all diesen Situationen, die sie in dem Stück durchlebt, authentisch wirkt. Völlig egal, um welche Rolle es sich handelt. Natürlich, dieser Idamante ist ein Prinz aus der Antike, aus grauer Vorzeit, für seine Probleme fehlt vielleicht die unmittelbare Referenz, wie man ihn heute spielen könnte. Doch dafür gibt es die Musik. Sie öffnet das Tor zur Seele.

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