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Im Gespräch: Frank Schneider : Waren Sie lieber Papst oder Ossi, Herr Schneider?

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„Natürlich war ich der Alibi-Ossi”: Frank Schneider ist nach der Wende Intendant des Konzerthauses Berlin geworden Bild: Matthias Lüdecke - FAZ

Seit 1992 war Frank Schneider Intendant des Berliner Konzerthauses, jetzt ist er, wie er sagt, „wieder ein freier Mann“. Ein Interview über seine Undankbarkeit, die Grausamkeit Berlins und das Hausverbot zu DDR-Zeiten.

          Notenstapel, Bücher, ein schwarzes Klavier: Im Büro von Frank Schneider sieht es nach Arbeit und Musik aus. Wenn der scheidende Intendant des Berliner Konzerthauses spricht, klopft er mit den Händen auf den Tisch, als gäbe er sich selbst den Takt vor - und niemand anders.

          Herr Schneider, seit dieser Woche sind Sie offiziell im Ruhestand. Worauf freuen Sie sich?

          Mir war als Intendant der Umgang mit Musik einfach zu flüchtig. Ich komme schließlich aus der Wissenschaft. Mein Ideal war es immer, in aller Ruhe daheim eine Partitur zu lesen. Wie Brahms, der sagte: „Den besten ,Don Giovanni' erlebe ich auf dem Sofa!“ Das werde ich wieder mehr tun und mehr forschen, nachdenken, schreiben. In mancher Hinsicht hatte ich als Intendant natürlich ein glanzvolles Leben, konnte viel in die Wege leiten. Und über alle Pflichten hinaus ist es schon skurril, die Weltpolitik an sich vorbeimarschieren zu sehen. Ich habe dem Dalai Lama über die Stufen geholfen, ich habe den betrunkenen Boris Jelzin gestützt und gesehen, wie Helmut Kohl ihm zur Toilette helfen musste. Aber es gab etwa auch den tollen Bill Clinton, der sich für jedes Gemälde interessiert hat und mit dem man sich wirklich unterhalten konnte. So habe ich mir mein eigenes Bild über den Alltag von Politikern und anderen Menschen des öffentlichen Lebens machen können - von den Wissbegierigen bis zu anderen, die alles völlig schlafwandlerisch überstanden und gar nicht wussten, wo sie waren.

          Von Ihrem Büro aus konnten Sie immer auf den Gendarmenmarkt sehen, den viele Menschen für einen der schönsten Plätze auf der Welt halten. Nehmen Sie ihn eigentlich noch wahr?

          Ach, ich bin schon so oft darübergegangen . . . Aber zuletzt habe ich wieder öfter hingeschaut, weil jeder Tag schon fast der letzte war. Es ist komisch: In meinem Leben habe ich nur einen einzigen geographischen Sprung gemacht, von Dresden nach Berlin 1964. Damals habe ich als junger Mann in dieser verrückten Stadt Rotz und Wasser geheult, weil ich so ein richtiges sächsisches Landei war. Und danach bin ich im Grunde mein ganzes Arbeitsleben aus einem einzigen Quadratkilometer nicht mehr hinausgekommen: Humboldt-Universität, Komponistenverband, Komische Oper, Akademie der Wissenschaften, Konzerthaus - alles in der Mitte des Bezirks Mitte.

          Warum hatten Sie eigentlich zu Ost-Zeiten im damals noch Schauspielhaus genannten Konzerthaus Hausverbot? Goldene Löffel werden Sie wohl nicht geklaut haben?

          Aber nein, ich hatte bloß im Rundfunk gefordert, dass in diesem Haus auch Neue Musik zu hören sein solle. Für die DDR-Ästhetik war das eine Frechheit, denn in diesem schönen Gebäude, das so viel Geld gekostet hatte, sollte nur gespielt werden, was nach vorherrschender Meinung zu den Räumen passte.

          Haben Sie heute noch Kontakt zu Ihren Kollegen von der Berliner Akademie der Wissenschaften, wie Angela Merkel, deren Ehemann Joachim Sauer oder Wolfgang Thierse?

          Frau Merkel und Herrn Sauer kannte ich vor der Wende nicht. Herr Thierse war ein Kollege, mit dem ich an einem Projekt gearbeitet habe und mit dem ich manchmal ein Bier trinken gegangen bin. Wir konnten beide in der DDR nichts werden, denn wir waren nicht in der Partei. Ich hatte den Antrag auf Parteieintritt einmal in der Hand und überlegte ernsthaft, ob ich schwach werden oder ewiger Assistent bleiben wollte. Meine Frau aber sagte: Bist du wahnsinnig! Sie hätte sich scheiden lassen. Ich sagte ab, und damit gab es keine Möglichkeit mehr für eine Karriere an der Universität. Ich bin dann von der Humboldt-Universität als Dramaturg zu Walter Felsenstein an die Komische Oper und fünf Jahren später an die Akademie der Wissenschaften gewechselt.

          Nachdem die Akademie laut Einigungsvertrag aufgelöst wurde, hatten Sie offenbar zum ersten Mal die Absicht, in den Westen zu gehen?

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