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Im Gespräch: Christian Thielemann : Der eigentliche Ärger steht erst noch bevor!

  • -Aktualisiert am

Christian Thielemann Bild: Kay Herschelmann

An diesem Mittwoch haben Münchens Stadtväter ihn unerwartet vor die Tür gesetzt: Christian Thielemann, den derzeitigen „Chefdirigenten von Bayreuth“. Mit der F.A.S. spricht er über das Chefsein, Wagner und den ganzen Ärger in München, über den er eigentlich gar nicht mehr sprechen wollte.

          7 Min.

          Thielemann platzt zur Tür herein wie ein rosagestreiftes Sommergewitter. Er hat heute seinen freien Tag in Bayreuth, zwischen den Generalproben für „Siegfried“ und „Götterdämmerung“. Diesen Gesprächstermin hatten wir schon seit längerem vereinbart, zu einem Zeitpunkt, als nach außen hin noch bestes Einvernehmen zwischen der Stadt München, den Münchner Philharmonikern und ihrem Chefdirigenten vorhanden war.

          Just an diesem Mittwoch aber haben Münchens Stadtväter Thielemann unerwartet vor die Tür gesetzt. Mit nur einer Gegenstimme wurde beschlossen, seinen Dirigentenvertrag nicht über 2010/11 hinaus zu verlängern. Der politische Wille, der dahintersteckt, wird nicht artikuliert. Offiziell heißt der Grund: Thielemann selbst habe sich geweigert, zu unterzeichnen, obgleich man ihm „goldene Brücken“ gebaut habe.

          „Seit heute Mittag gucken wir uns nach einem Nachfolger um“, erklärt Kulturreferent Hans-Georg Küppers um 15 Uhr 55 gegenüber den Nachrichtenagenturen. „Bitte kein Wort zu München“, ruft Thielemann um 16 Uhr 15 in Bayreuth (steht im Türrahmen, hat die Klinke noch in der Hand), aber dann setzt er sich hin und spricht: doch über sein Münchner Orchester, über die gescheiterten Pläne und darüber, was ein Dirigent zu tun hat, damit ein Orchester einen unverwechselbaren Klang entwickelt. F.A.Z.

          Wie geht es Ihnen, Herr Thielemann?

          Ausgezeichnet, danke! Es ist toll hier in Bayreuth. Lassen Sie uns über Wagner reden . . .

          Gerade eben hat der Kulturdezernent in München seine Hände in Unschuld gewaschen. Er sagte, er habe Ihren Vertrag exakt nach Ihren Bedingungen modifiziert und trotzdem wollten Sie nicht unterschreiben. Das heißt doch: Ätsch, selber schuld! Stimmt das? Wollen Sie München verlassen?

          Nein, es stimmt nicht. Aber was hilft das? Es ist doch so: Wer zuerst aufsteht und ruft: „Haltet den Dieb“, dem glaubt auch jeder. Wer sich verteidigt, klagt sich an. Oft stellt man erst viel später fest, dass die erste Nachricht eigentlich die falsche gewesen war. Wichtig ist nur das Ergebnis.

          Was genau stimmt nicht?

          Der ausgehandelte Vertrag wurde einseitig verändert von der Stadt. Dagegen habe ich mich gewehrt. Es geht dabei nicht um Geld, es geht um die Musik. Und ich habe auch mit keinem Menschen in München sonst je Krach gehabt. Es gab nur die Diskussion um diesen einen Punkt. Bis jetzt hatte ich als Chefdirigent zu entscheiden darüber, was mein Orchester sonst so spielt und mit wem. Das ist sinnvoll, und es ist übrigens überall genau so üblich. Als Dirigent präge ich mein Orchester und seinen Klang über die eigenen Aufführungen hinaus, da spielt alles zusammen. Das Orchester hatte mich mit großer Mehrheit wiedergewählt, dann begannen die Vertragsverhandlungen mit der Stadt, dann kam der Orchestervorstand und wollte mehr Mitspracherecht bei Gästen. Das sollen sie, finde ich, haben. Aber dann hieß es plötzlich, dass ich nur noch meine 30 Konzerte pro Saison programmiere. Und über die restlichen mehr als 60 Konzerte bestimmt nicht etwa das Orchester, wie ich das vorgeschlagen hatte, sondern nur der Intendant. Damit wäre ich nichts weiter als ein Gastdirigent bei meinen eignen Leuten! Das ist doch absurd. Ein starker Dirigent und ein starker Intendant gehen nun mal nicht zusammen. Das hat noch nie geklappt, nirgendwo.

          Was werden Sie jetzt tun?

          Nun, über meine Zukunft brauche ich mir gottseidank keine Sorgen zu machen. Aber ich bin einfach traurig, dass eine so erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Orchester, so mir nichts dir nichts abgebrochen wird. Auch viele im Orchester teilen meine Trauer. Ich kriege von denen eine SMS nach der anderen. Die fragen sich jetzt natürlich: Wer hat dadran gedreht? Wer wollte das? Und warum? Unsere Amerikatournee 2011 wird ausfallen müssen, wenn ich nicht mehr da bin, auch unsere zweite Japantournee wird sicher ausfallen, und dann der „Ring“, den wir in Baden-Baden geplant hatten für 2013! Unsere „Ariadne“ 2012! Da sind doch die Verträge mit den Sängern längst fest! Ich sage Ihnen, der eigentliche Ärger steht erst noch bevor!

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