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Igor Levit spielt Beethoven : Die Elfen am Ohr gezupft

Igor Levit im Haus für Mozart in Salzburg Bild: SF/Marco Borelli

Gepfefferte Bonmots und sprachlose Raserei: Igor Levit spielt bei den Salzburger Festspielen alle Klaviersonaten Beethovens und erzählt dabei viel über Witz und Pathos in Zeiten des Leistungsdrucks.

          3 Min.

          Warm, leise, aber tragfähig, singend und schön, wie eine Einladung, die man nicht abschlagen kann, klingt der erste Akkord von Beethovens Fis-Dur-Sonate op.78 unter Igor Levits Händen. Hier spielt jemand, der weiß, wie sehr es am Klavier auf Resonanzen ankommt: Das tiefe Fis im Bass lässt das Cis in der Oberstimme leuchten; es stützt und trägt, deckt aber nicht zu. Vom ersten Ton an ist klanglich alles ausbalanciert. Immer wieder wird man bei Levits Zyklus aller 32 Beethoven-Sonaten, den er im Salzburger Haus für Mozart spielt und bald auch in Luzern und beim Musikfest Berlin wiederholen wird, dieses seidenmatt schimmernde, intensiv summende piano bewundern können. Der Pianist benutzt das linke Pedal zum Dämpfen nicht seltener als das rechte für den Nachhall. Ihm liegt an einem Klang der Innigkeit, wie ihn Beethoven so oft ausdrücklich verlangt.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Seit mehreren Monaten liegt Levits Beethoven-Zyklus auch auf neun CDs bei Sony Classical vor. Er ist nicht der einzige Pianist, der sich im Jubiläumsjahr mit den Klaviersonaten beschäftigt hat. Fazil Say (Warner) und Konstantin Lifschitz (Alpha Classics/Outhere) taten es ebenfalls. Über Say braucht man dabei nicht zu diskutieren. Sein Klavierspiel genügt professionellen Standards nur selten. Er spielt sowohl klanglich als auch von der Formdisposition her unüberlegt und unkontrolliert. Dass ihm bei der „Appassionata“ op. 57 im Schlusspresto wie bei einer Aufnahme vor anderthalb Jahrzehnten wieder die Puste ausgeht, grenzt ans Peinliche. Aus alten Fehlern hat er nichts gelernt.

          Lifschitz hingegen hat eine bezwingende Intensität. Er lässt einen beim Hören nicht mehr los. Ein immaterielles Licht leuchtet in den späten Sonaten aus seinem Klavierklang. Lifschitz dämpft nicht ab, offenbart geheimnisvolle Spiegelungen zwischen Oberstimme und Bass in den ekstatisch zitternden Schlussvariationen der E-Dur-Sonate op. 109, hat einen Sinn für Pathos, das nicht nach Selbstbeherrschung fragt, für Polderflächen des Atems und der Phantasie, wo die Musik großzügig über die Ufer der Zeit treten kann.

          Genau dort liegen die Unterschiede zu Levit. Gewiss, es steht Allegro molto e con brio über dem ersten Satz der Es-Dur-Sonate op.7. Das will also schnell und mit Feuer gespielt werden. Träumereien am Kamin sind nicht verlangt. Levit rast in Wahnsinnstempo durch diese Musik. Man staunt über seine blitzsauberen Oktaven, über die Schleuderfiguren in Überschallgeschwindigkeit, noch mehr aber darüber, dass er schärfste Lautstärkekontraste auf kleinstem Raum in dieser Raserei darstellen kann. Das macht ihm so leicht keiner nach. Aber – die Musik keucht atemlos davon. Sie wird um ihre Sprache gebracht, kennt weder Punkt noch Komma. Sie saust dahin wie auf einem Gleis, eingepfercht durch Leitplanken und Fahrpläne.

          Auch Friedrich Gulda hat Beethoven vor fünfzig Jahren in solchem Tempo und mit regelrechtem Abscheu vor jeglichem Phrasierungsrubato gespielt. Doch Guldas Attacken, sein rhythmischer Drive wirken noch heute als Lustüberschuss, während sie bei Levit als Disziplinierungsleistung herauskommen. Vergleicht man beider Spiel, so mag man darin eine Analogie finden zur Verschiebung des Drogenkonsums seit fünfzig Jahren: von der Befreiung aus Funktionalitätszwängen damals hin zur Leistungssteigerung heute.

          Levit leistet viel, enorm viel. Und es entsteht im Druck, den er sich selbst macht, durchaus Poesie. Im zweiten Satz der Fis-Dur-Sonate op. 78 nimmt er die Artikulationsvorschrift für die Sechzehntel – mit kurzem Abreißen nach jeder zweiten Note – in Hochgeschwindigkeit ganz genau. Das Ergebnis ist phantastisch: ein flirrendes Glühwürmchengewimmel, wie man es nie gehört hat, Beethoven als Puck, der die Elfen an den Ohrläppchen kitzelt. Überall, wo Beethoven sich als Virtuose der Konversation zeigt, wo er gepfefferte Bonmots streut und riskante Witze macht, ist Levit in seinem Element. Wo es aber um Feuer, ums Auf-Spiel-Setzen der eigenen Existenz geht, gerät er stets in Gefahr, Pathos als Leistungssport misszuverstehen, als Demonstration von Fitness. Man muss ihn dafür bewundern, dass er die „Appassionata“ mit einer Kontrastschärfe spielt, zu der es sogar ein Über-Virtuose wie Pierre-Laurent Aimard bislang nicht gebracht hat. Aber wenn man sie von der großartigen Maria Grinberg – der ersten Frau, die in der Sowjetunion Beethovens Sonaten komplett aufnahm – hört, wird man von Klangeruptionen erfasst, die von tragischem Herrschaftsverlust erzählen, aber auch vom Mut zur Selbstaufgabe.

          Levit demonstriert in jedem Moment, dass er alles unter Kontrolle hat. Jedes Crescendo scheint genau ausgemessen, jedes plötzliche Leiserwerden ein Machtgebot, jede Fermate ist metrisch ausgezählt. Zeit wird zum äußerlichen Maß, in dem Ereignisse unterzubringen sind, statt zu einem Geschehen, in dem Sinn sich erfüllt. Gerade im Kontrast zu Grigori Sokolow, der ja ebenfalls in Salzburg spielte (F.A.Z. vom 6.August), wird deutlich, dass bei Levit chronos über kairos triumphiert, das Abgemessene über das Einmalige und Unwiederbringliche.

          Und doch lässt einen das Staunen bei seinem Klavierspiel nicht los: Er hat, anders als Fazil Say, eben die Kondition, im Schlusssatz der „Appassionata“ nach dem Marathon des Allegro ma non troppo noch den Schlusssprint eines Presto hinzulegen. Und was für ein Presto! Die in der linken Hand herausgeknallten Sforzati – f-f-f-f-b-b-c-c-f – mögen banal erscheinen. Aber sie stehen für den Tonarten-Gegensatz von f-Moll und Ges-Dur, der von Beginn an konstitutiv für diese Sonate ist. Körperliche Kondition und konstruktive Weitsicht kommen also in Levits Spiel zusammen. Der Druck von Tempo und Texttreue, den er sich selbst macht, zeugt von Einsicht, Gewissenhaftigkeit und Verantwortungsgefühl. Wenn er selbst sagt, Beethoven sei Musik für uns und über uns, meint er damit vielleicht uns Menschen einer Leistungsgesellschaft, in der alles durchökonomisiert ist, einer Zeit, die keine Zeit mehr hat.

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