https://www.faz.net/-gqz-aimys

Levit spielt Schostakowitsch : Unter Spätherbsthimmeln

  • -Aktualisiert am

Igor Levit in Berlin vor dem Brandenburger Tor im September 2021 Bild: Picture Alliance

Zu sich kommen vor einem Gebirge der Zumutungen: Der Pianist Igor Levit spielt die 24 Präludien und Fugen von Dmitri Schostakowitsch und ringt dabei, wie die Musik selbst, um Atem.

          3 Min.

          Die Alchimistenkammern musikalischer Studioaufnahmen bleiben dem Hörer in der Regel verschlossen; er vernimmt nur die Ergebnisse. Aber klar ist, dass diese stille Arbeit im kleinen Team nicht nur Vor-Ort-Korrekturen, sondern – gerade bei Solisten – auch eine andere innere Balance mit Atempausen und Abwägungen ermöglicht als ein Liveauftritt, der solche mechanischen wie seelischen Ausgleichsmöglichkeiten nicht kennt. Für ein reichlich zweieinhalbstündiges, achtundvierzigmal die geistigen Temperaturen und Fingersätze wechselndes Werk wie Dmitri Schostakowitschs Präludien und Fugen op. 87 kann das besonders relevant werden.

          So liefert Igor Levits kürzliche CD-Einspielung dieses konditionell strapaziösen, selten in Angriff genommenen Zyklus (Sony) für seine Konzerttournee, die ihn damit am Donnerstag in Berlins Philharmonie führte, erst einmal nur Umrisse, zum Beispiel vom physischen Verschleiß eines solch großsymphonisch dicken, obwohl doch nur für zwei Hände gedachten Notenkonvoluts. Man bemerkte diese Ermüdung beim Auftritt nicht zuletzt daran, dass der Künstler, der die ersten Teile als wechselnd ausgeleuchteten, aber organisch fließenden Organismus zum Klingen gebracht hatte, in welchem nicht nur die tonartlich zusammengehörigen Präludien und Fugen, sondern auch die jeweils aufeinanderfolgenden Paare fast absatzlos aneinander angeschlossen hatten, später öfter atemholende Besinnungszäsuren setzen musste.

          Doch korrespondierten solche Momente ringenden Zu-Sich-Kommens vor diesem Musik-Gebirge wiederum nicht genau mit dessen Rolle im Leben des Komponisten selbst? Der Zyklus vom Winter 1950/51, erwachsen aus Schostakowitschs Bach-Erlebnis in Leipzig, war für diesen Flucht und Zuflucht in einem: die Selbstversicherung seiner eigenen, in Stalins Spätjahren zwar nicht mehr unmittelbar physisch gefährdeten, aber immer noch mit Peitsche und Zuckerbrot kujonierten künstlerischen Existenz unter dem quasi überzeitlichen, nicht angreifbaren Schutzschirm Bachs – eine von Ängsten, Zweifeln und zynisch-selbstverletzenden Sarkasmen freilich gleich wieder unterhöhlte Utopie.

          Und da, wo Tatjana Nikolajewa, seine inspirierende Uraufführungspianistin, die hoffnungsvollen, sich nach stabilisierender Harmonie sehnenden Züge betonte, wo später beispielsweise Keith Jarrett durch transparente Architektonik ein – auch emotionales – Stützgerüst einzog, ist es nun an Levit, die verdrängten Traumata, die krisenhaften und bisweilen hysterischen Züge der Musik ins Licht zu reißen. Das hat Konsequenzen, weil es oft die innere Geschlossenheit der Teile wie brüchige Eisschollen auseinandertreibt und Töne der Entspannung und durchatmenden Selbstversenkung auch da nicht sucht, wo sie vielleicht Platz finden könnten. Am ehesten gewinnen sie noch in den frühen, weit gedehnten Fugen in e- und h-Moll Raum, wenn auch schon hier unter dem Zwielicht milchig verhangener Novemberhimmel. Aber schon durch die fis-Moll-Fuge zuckt bei Levit, dürr und trocken, wie er den Themenkopf anschlägt, eine Art klaustrophobischer Ausweglosigkeit, das folgende E-Dur-Paar lässt er in einem böse krachenden Fortissimo enden, nach dem auch die motorische Getriebenheit des folgenden cis-Moll-Präludiums keine Auflösung bietet.

          Und so weiter, Minuten um Minuten. Poetisch-Lyrisches hat lange nur noch fragmentarisch und gleichsam zitathaft Platz und kommt als wirkliche Entspannungsfläche erst wieder, wenn das b-Moll-Paar viel später wieder vorsichtig von Träumen und Hoffnungen sprechen darf – dunkel schattierte, aber nicht depressive Töne, die dann allmählich Raum gewinnen und erst hier, nach knapp zwei Stunden, den Gedanken nahelegen, dass es für Schostakowitsch vielleicht doch so etwas wie ein ideelles und in der Summe sogar vorsichtig optimistisches oder wenigstens mit sich selbst befriedetes Gesamtkonzept gegeben haben könnte. Levit geht diesen Weg unter Vorbehalt, mit einem Als-ob nach, der aber durchaus im Sinne des Schöpfers gewesen sein könnte: nicht gerade theaterhaft in der Präsentation und Ausspielung der Hymnen-, Choral- und Volksliedanklänge, aber doch so demonstrativ, manchmal fratzenhaft, dass das Misstrauen gleich mitgespielt ist.

          Seine erschütterndsten Momente hat er da, wo unter der Sicherheit klassischer Tradition nackte Verzweiflung herausbricht: in der krampfzuckenden, um sich schlagenden gis-Moll- und der fast atonalen, stillstehend rasenden und wie aus der eigenen Haut springen wollenden Des-Dur-Fuge. Anders als in manchen überforcierten und dann auch in ihrer polyphonen Stimmführung verunklarten Steigerungsbögen besonders einiger schneller Dur-Teile (inbegriffen sogar die lichthimmelblau einschwebende, aber allzu schnell geerdete A-Dur-Fuge) geht hier Igor Levits stupende technische Meisterschaft mit Schostakowitschs bohrender Selbstsuche eine bruchlose Synthese ein, die doch nie selbstverständlich ist und – für den Interpreten selbst wie für seine Hörer – immer randabgründig und gefährdet bleibt: eine Expedition ins beklemmend Ungesicherte wie der ganze Abend.

          Weitere Themen

          So mit Beinen und viel Haut um sich

          Bücher über Irmgard Keun : So mit Beinen und viel Haut um sich

          Einmal Bildband, einmal Briefausgabe: Michael Bienert erweist sich mit über „Man lebt von einem Tag zum andern“ und „Das kunstseidene Berlin“, zwei ihr gewidmeten Büchern, als idealer Nachlebenverwalter von Irmgard Keun.

          Topmeldungen

          Lars Klingbeil (links), Vorsitzender der SPD, und Saskia Esken, Vorsitzende der SPD, äußern sich am 20. Dezember 2021 bei einer Pressekonferenz nach der konstituierenden Sitzung des Parteivorstandes im Willy-Brandt-Haus in Berlin.

          Trotz Wahlerfolgs : Die SPD verliert weiter rasant Mitglieder

          Nach dem Wahlerfolg bei der Bundestagswahl traten der Partei im September zwar mehr Neumitglieder bei als in allen anderen Monaten des Jahres. Aber sie konnten den abermaligen Verlust von etwa fünf Prozent der Mitgliedschaft nicht ausgleichen.