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Igor Levit beim Klavier-Festival Ruhr : Jeder spielt für sich allein

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Das WDR-Sinfonieorchester und der Pianist Igor Levit (5.v.l.) eröffnen in Bochum das Klavier-Festival Ruhr. Bild: dpa

Igor Levit eröffnet das Klavier-Festival Ruhr mit Peter Tschaikowskys erstem Klavierkonzert in Bochum: Mit Liebesliedern und lyrischer Passion bringt der Pianist Musik zum Sprechen.

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          Wie eine Braut schmückt sich der alte, kahle Riese. Hunderte Pfingstrosen blühen an der Rampe des provisorischen Konzertpodiums, Lichtreflexe illuminieren den rötlichen Himmel aus hölzernen Akustiksegeln, ein heller, leichter Frühlingswind weht durch die Jahrhunderthalle Bochum. Und wirklich ermöglichen die paar Paneele ein ganz fabelhaft differenziertes Hörerleben - zumindest in den ersten zehn Reihen, wo die Journalisten, Sponsoren und Ehrengäste sitzen bei der Eröffnung dieses fünfundzwanzigsten Klavier-Festivals Ruhr.

          Da aber wir Privilegierten hier unten das Handy eines der Unterprivilegierten von da oben, am anderen Ende der Halle, so überdeutlich hören können, als sei’s das eigene, wie es, natürlich an einer der zärtlichsten Solostellen des Andantino semplice aus Peter Tschaikowskys Klavierkonzert b-Moll op. 23, blöde loszirpt, gehen wir mal davon aus: An diesem Abend haben alle überall ganz ausgezeichnet gehört.

          So sollte es immer sein. Es gab auch etwas nicht Alltägliches zu hören. Ein Schock, eine Sensation: Fast wäre uns unser lieber alter Freund Tschaikowsky in Fetzen um die Ohren geflogen.Zwei junge Musiker, zwei sogenannte Shootingstars der Branche, kriegten sich in die Wolle, ganz ohne Worte, nur in Tönen. Die beiden waren vor die Aufgabe gestellt worden, dieses beliebteste, erfolgreichste Virtuosenschlachtross der Konzertliteratur noch einmal neu und festlich aufzuzäumen.

          Gleich anfangs, als der eine das übliche Maestoso-Tempo vorgibt und der andere ein völlig anderes, leichteres, biegsames nachschiebt, denkt man sich: Warte, wenn das nur gutgeht! Das Orchester lahmt, schleppt und pumpt. Der Pianist fliegt, stürmt und bebt. Und als die ersten Schrammen, Blessuren und blauen Flecken hörbar werden, da kommen uns plötzlich alte Legenden in den Sinn, vom Krieg im Saal, wie, zum Beispiel, Glenn Gould und Leonard Bernstein sich 1962 öffentlich in der Carnegie Hall über dem ersten Klavierkonzert von Johannes Brahms entzweiten oder wie Artur Schnabel mal um etliches früher fertig gewesen sein soll mit einem BeethovenKonzert, als sein Orchester.

          Igor Levit bringt Musik zum Sprechen

          Aber das sind, wie gesagt, Legenden. Man möchte nicht dabei gewesen sein. Mag sein, dass das Wort „Konzert“ von dem lateinischen concertare abstammt, was streiten heißt, kämpfen, wetteifern. Trotzdem darf es in der Musik keine Verlierer geben, denn dann verliert ja immer zuerst die Musik.

          Der Dirigent, Krzysztof Urbanski, einunddreißig, nimmt den Parcours von der sportlichen Seite: Stück allseits bekannt? Na also! Auf die Plätze, fertig, los, und auf Wiedersehen bei der Fermate! Der Pianist dagegen, Igor Levit, sechsundzwanzig, hat etwas ganz anderes im Sinn. Er nimmt sich die Zeit, die Musik zum Sprechen zu bringen. Gestaltet gelassen die Phrasen, Trauergesänge ausspannend, Akkorde auseinanderfaltend, einer überraschenden Dissonanz nachlauschend, einem Nachhall.

          Das Spiel von einem anderen Stern

          Liebeslieder werden hörbar, lyrische Inseln tun sich auf in diesem für gewöhnlich zu fetzigem Virtuosenfutter banalisierten Krachmacher-Stück, und es singen sich verlorene Seelen aus in verzögernder Agogik, sehnsuchtsvoll wie die Unglückseligen aus „Pique Dame“ oder „Onegin“. Levit spielt seinen Part für sich allein, er spielt auf einem eigenen, anderen Stern.

          An fast allen Nahtstellen krachte es. Immer dann also, wenn Urbanski wieder hineintölpelte mit dem Orchester, fiel die Musik in Stücken auseinander. Alle Übergänge stolperten und ruckelten; was nicht zusammenpasste, wurde gewaltsam vom Dirigenten mit zwei Schlägen wieder zusammengenagelt, dabei lächelte er, immerhin, am Satzende war man ja wieder zusammen. Auch sonst machte Urbanski vor allem gute Figur, Stand- und Spielbein elegant austauschend und den kleinen Finger graziös abspreizend, als würde das etwas helfen.

          Fade „Bilder einer Ausstellung“ 

          Das ihm anvertraute WDR-Sinfonieorchester Köln geriet unterdessen, sich selbst überlassen, ins Schwimmen, ein jeder spielte das, was es für ihn zu spielen gab, ungefähr so, wie es ihm gerade einfiel. Gleiches geschah in der zweiten Konzerthälfte. Nach der Aufregung um Tschaikowsky servierte Urbanski die „Bilder einer Ausstellung“ als Extraportion Langeweile: So fade Farben, so wenig Klang und Dynamik, das hätte man weder diesem an sich so famosen Orchester zugetraut, noch wünschte man es Mussorgski oder Ravel.

          Es ist stets ein Risiko, junge Musiker in die erste Reihe zu stellen. Es ist aber zugleich notwendig und segensreich. Beim Klavier-Festival Ruhr geschieht dies regelmäßig, der Nachwuchs hat hier eine eigene Plattform - genau so wie die pianistischen Berühmtheiten. Ein Vierteljahrhundert ist dieses Festival nun schon alt, seit siebzehn Jahren wird es von Franz Xaver Ohnesorg kuratiert, und vor drei Jahren verwandelte es sich, auf seine Initiative hin, in eine Stiftung. Heute stecken, von sechs Uraufführungen in dieser Saison abgesehen, keine öffentlichen Gelder mehr darin. Es ist nicht nur das größte privat finanzierte Musikfest in Deutschland, sondern auch wohl das erfolgreichste.

          Aus einsamem Spiel die Allgemeinheit bewegt

          Igor Levit, der vor drei Jahren erstmals beim Festival auftrat, spielte als Zugabe „Hommage à Rameau“. Jeder einzelne dieser singenden, leuchtenden Töne, mit denen uns Claude Debussy Schritt für Schritt von der Außenwelt in die Innenwelt zurückführt, in die prähistorischen Höhlen der Pentatonik, wo die Ahnen wohnen, Ur-Ängste und Ur-Hoffnungen, erreichte Ohren und Herzen. Nur sehr gute Pianisten können das so spielen: dass das Klavier, dieses intime Ein-Mann-Privat-Orchester, das gleichwohl große Säle füllt, in seiner strukturellen Einsamkeit die Allgemeinheit touchiert.

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