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Iffland-Archiv online : Wenn Bäcker und Intendant sich gute Nacht sagen

Intendant, Dramatiker und Schauspieler: August Wilhelm Iffland in der Rolle des Pygmalion, gemalt von Anton Graff Bild: picture-alliance / akg-images

Bühnenzuckerbäckerei: Wie August Wilhelm Iffland das Berliner Nationaltheater zum führenden Haus des Landes machte – jetzt digital erfahrbar.

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          Zehn Monate vor der Eröffnung des Neuen Schauspielhauses schreibt der Berliner Konditor und sechsfache Familienvater August Reibendanz einen bittenden Brief an den Intendanten des Königlichen Nationaltheaters, August Wilhelm Iffland. Darin bewirbt er sich beim „wohlgeborenen“ Theatermann darum, die Konditorei im Nationaltheater bewirtschaften zu dürfen. Das neue, am 1. Januar 1802 eröffnete Theater war deutlich größer als das alte Haus. Es bot zweitausend Zuschauern Platz und hatte außerdem einen Konzertsaal mit tausend Plätzen. Und eben eine hauseigene Konditorei.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Reibendanz, der offensichtlich eine öffentliche Ausschreibung fürchtet, wirbt mit seiner Erfahrung und Zuverlässigkeit, stellt aber auch vorsichtig Ansprüche. Zum Beispiel fragt er an, ob es „bey der Groeße des Gebäudes“ nicht möglich sei, eine private Wohnung dort zu bekommen. In welcher Höhe er eine Miete werde zahlen können, hänge vom Zulauf ab, denn es sei „sehr ungewiß, ob bey der Vergroeßerung des Amphi Theaters auch mehr Menschen täglich herein kommen werden, und mein Debit sich vermehren wird. Die Neu Gierde wird freylich bey der ersten Eröfnung des Theaters, mehrere Menschen anfänglich wie sonst herein treiben. Diß wird aber zuverläßig in der Folge nachlaßen besonders wenn der Geld Mangel so wie er jetzt schon ist noch weiter fortwähren, oder vielleicht gar zu nehmen sollte.“

          Leider keine eigene Wohnung im Theater

          Die Zeiten waren also auch um 1800 keine guten für den kleinen Mann und die kleine Frau. Zum Schluss seines Bittbriefes fleht der Konditor den berühmten Theaterintendanten auf den Knien seines Herzens an, einen Vertrag mit ihm abzuschließen, noch bevor das Gebäude fertig gebaut ist. Iffland antwortet dem „Kuchenbecker“ einige Tage spȁter und versichert, dass „mit Niemanden eine Abrede oder vorlȁufige Besprechung vorgegangen“ sei. Reibendanz erhielt den Pachtvertrag, eine Wohnung im Schauspielhaus aber bekam er nicht. Der Briefwechsel zwischen dem berühmten Theatermann und dem armen Bȁcker ist eines von rund fünftausend Dokumenten, die ab sofort im edierten Archiv des Theaterintendanten Iffland unter https://iffland.bbaw.de digital zugänglich sind. Neben der amtlichen Korrespondenz sowie administrativen und dramaturgischen Schreiben aus Ifflands Direktionszeit von 1796 bis 1814 sind hier vor allem auch Briefe aus kleinbürgerlichen Teilen der Bevölkerung zu finden, also von Handwerkern, Schneidern, Friseuren, Dekorationsmalern und Garderobenangestellten.

          Das Archiv des Intendanten, Dramatikers und Schauspielers August Wilhelm Iffland (1759 bis 1814), nach dem Zweiten Weltkrieg verlorengegangen, wurde 2014 wiederentdeckt und kam auf Umwegen in den Besitz des Landesarchivs Berlin. Die Dokumente machen erlebbar, wie Iffland aus einer mittelmäßigen Bühne ein weit über Berlin hinaus strahlendes Theater formte. Nach seiner Ankunft Ende 1796 führte Iffland am Berliner Nationaltheater eine Reihe von Reformen durch. Reorganisiert wurden etwa die Probenablȁufe des künstlerischen Ensembles, die bühnentechnischen Ablȁufe, die Garderoben-, Kostüm- und Orchesterordnungen. Die Ensemblemitglieder wurden – wie später an der Berliner Schaubühne – verpflichtet, sich weiterzubilden, mussten neue Literatur über Theater und Kunst lesen. In bisher unveröffentlichten „Zirkularschreiben“ legte Iffland dem Ensemble seine Überlegungen und Anweisungen vor und machte das Berliner Theater zur ambitioniertesten Bühne im protestantischen Deutschland. Mit dem von Klaus Gerlach, Ernst Osterkamp und Uwe Schaper vorbereiteten Archiv steht der Forschung und theaterbegeisterten Öffentlichkeit nun ein herausragendes Stück Berliner Theatergeschichte zur Verfügung.

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