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Theaterfestival Radar Ost : Ich gehe trotzdem auf die Straße

Wer ist die wahre Marie? Im „Woyzeck" aus Minsk wird die Figur von vier Frauen verkörpert. Bild: Deutsches Theater Berlin

Der gefährdete Künstler: Das Theaterfestival Radar Ost am Deutschen Theater Berlin zeigt eine radikale Neuinterpretation von Georg Büchners „Woyzeck“ aus Minsk und eine russische Widerstandsperformance.

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          Plötzlich sind die Menschen, die ihn quälten, auf der Bühne. Sie sitzen auf einer Bank, dahinter sind Plattenbauten projiziert. Das Bühnenbild ist konstruktivistisch wie in einem Musikvideo der ukrainischen Sängerin Onuka. Dieser belarussische Woyzeck ist ein radikal zeitgenössisches Stück. Melodische Technomusik setzt ein. Woyzeck tritt auf mit schwarzer Mütze, schwarzem Pullover, schwarzen Lederstiefeln, mit starrem Gesicht. Er ist gekommen, um einen Satz in den Saal zu schreien. „Ich bin ein guter Mensch.“ Doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihm.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Der finster erzählte „Woyzeck“ war ein Hauptereignis beim Theaterfestival „Radar Ost“ in Berlin, das in diesem Jahr am Deutschen Theater den Themenschwerpunkt „Artist at Risk“ gesetzt hat und innovativen Theaterensembles, aber auch den unterdrückten Kulturschaffenden Osteuropas eine Bühne geben will. Theatergruppen aus Belarus, Russland, Bosnien und der Ukraine wurden eingeladen, darunter das Moskauer Gogol-Center, das Left Bank Theatre aus Kiew sowie die Gruppe Kupalaŭcy aus Minsk. Das existenzialistische „Decamerone“ des Russen Kirill Serebrennikow wird gezeigt und das Stück „Bad Roads“, das die Kriegserfahrungen von Frauen im Donbass verarbeitet. Der Länderschwerpunkt lag diesmal freilich bei Belarus, auch weil seit den Protesten gegen Präsident Lukaschenko Theatermacher verfolgt werden und Regisseure und Schauspieler von kritischen Produktionen ein hohes Risiko eingehen. Es gehe um die künstlerische Expression auch in dunklen Zeiten, erklärt Birgit Lengers, die das Festival organisiert. Die „Woyzeck“-Szenen von Raman Padaliaka zeigen das besonders eindrücklich.

          Das Kiewer Theaterstück „Bad Roads“ verarbeitet die Erfahrungen von Frauen im ostukrainischen Kriegsgebiet.
          Das Kiewer Theaterstück „Bad Roads“ verarbeitet die Erfahrungen von Frauen im ostukrainischen Kriegsgebiet. : Bild: Anastasiia Mantach

          Der Regisseur der Gruppe Kupalaŭcy hat den Stoff Georg Büchners in einer musikalischen Montage mit stakkatohaften Dialogen in belarussischer Sprache neu arrangiert. Büchners Textfragment erzähle die Geschichte eines einfachen Mannes, sagt er, eines Antihelden. „Woyzeck ist ein bescheidener Mensch. Doch das System zerstört alles Gute, das er in sich trägt. Woyzeck tötet den Menschen, der ihm am nächsten steht und damit seine eigene Menschlichkeit.“

          In seiner Adaption arbeitet Padaliaka den Zerfall des Franz Woyzeck heraus. Der nachdenkliche, aber hoffnungsvolle Mann, gespielt von Aliaksandar Kazeła, wird durch die Gewalt, die ihm angetan wird, zum Mörder. Statisch folgt Szene auf Szene, was den Text in ein Revolutionsmanifest verwandelt. Marie wird von vier Schauspielerinnen dargestellt, mal als Mutter, als fragile Freundin, als abgeklärte Strategin und als Verbrecherin, die ihre Ode an das Überleben singt: „Mädel, was fängst du jetzt an. Hast ein Kind und keinen Mann.“ Stets trägt sie roten Lippenstift und ein Paillettenkleid. Das minimalistische Kostümbild unterstützt die Geschichte ebenso wie der Musikmix von Eryk Arłoŭ-Šymkus.

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