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Ibsens „Volksfeind“ in Paris : Wir alle sind für die Demokratie, so lange sie uns nicht zu viel kostet

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Das debile Volks sucht sich seinen Feind: Szene aus der Pariser Inszenierung von Ibsens „Volksfeind“ Bild: Odeon

Ein Theaterabend in Paris. Gegeben wird der „Volksfeind“ von Henrik Ibsen. Auf der Bühne bricht über einem Gerechten die Welt zusammen. Und unten, im Parkett, verstecken sie ihre Angst unter den Stühlen.

          Es beginnt mit einem kurzen „Ha“, wächst zu einem vorsichtigen Kichern und endet in schallendem Lachen, Quieken, Prusten, ja sogar Jubel. Wer sich in diesen Tagen in das Pariser Théâtre de l’Odéon begibt, um Jean-François Sivadiers wirklich grandiose Inszenierung von Ibsens „Der Volksfeind“ zu sehen, der wird dort einem zweieinhalbstündigen Crescendo des Lachens beiwohnen und beispielhaft vorgeführt bekommen, was mit Katharsis eigentlich ursprünglich gemeint war: Auf der Bühne tragen und spielen die Schauspieler all das vor, was heute wie schon gestern schief läuft in der Welt, zeigen, wie sich Wahrheit als Alleinbesitz der Mächtigen generiert und der Frust darüber in Gewalt umschlagen kann, führen vor, wie klein und feige und größenwahnsinnig und selbstgerecht der Mensch, dieses verletzliche Wesen, oft ist. Nur wird das, was uns in unserem Alltag, im Frankreich und Europa von heute, wahrscheinlich empört und vielleicht sogar ängstigt, hier im Theaterraum plötzlich zu einem unerhört guten Witz.

          Und was tun wir?

          Da sagt der Präfekt, Peter, zum Beispiel im ersten Akt so etwas scheußliches wie: „Die Armenlast hat sich für die besitzenden Klassen in erfreulichem Maße vermindert“ und das Publikum antwortet mit einem freudigen „Hehe“. Drei Akte später, als alle Figuren alle Skrupel hinter sich gelassen haben und sich zu einer großen Volksversammlung treffen, sagt Alaksen, der kleine Vertreter der kleinbürgerlichen, „kompakten Masse“: „Ich bin für die Demokratie, so lange sie nicht zu viel kostet“. Und was tun wir? Wir kichern. Selbst als Ibsens Antiheld, Doktor Stockmann, völlig außer sich vor uns steht und uns als passive „Kälber“ beschimpft, uns in einem langen Monolog erklärt, dass wir nichts als Idioten sind, die gar nicht merken, dass sie von den Machthabern ausgenutzt und betrogen werden, da sind wir im Zuschauerraum nicht beleidigt, nein, wir lachen, dass sich die Samtsitze biegen und die Tränen übers Gesicht fließen.

          Genial ist das Lapidare

          Als der deutsche Regisseur Thomas Ostermeier den „Volksfeind“ vor ein paar Jahren zum ersten Mal inszenierte, sagte er, er habe sich sehr darüber gewundert, dass das Publikum ein Stück, das er selbst eher als Tragödie verstand, wie eine Komödie wahrnahm. Ganz ähnlich ging es Jean-François Sivadier und seinen Schauspielern wohl auch: Sie hätten nicht erwartet, dass das Publikum so ausgelassen lacht, doch es sei ganz offensichtlich befreiend die Dinge, die tagtäglich in den Nachrichten verhandelt werden einmal so lapidar und wertfrei vorgetragen zu bekommen, meinte der Regisseur vor ein paar Tagen im Radio. Der Geniestreich seiner Inszenierung, der Grund dafür, dass man tatsächlich wie befreit aus diesen zweieinhalb Stunden Theater heraustritt, ist dann auch genau das: Das Lapidare. Die Distanz, die er wahrt. Sein „Un ennemi du peuple“ moralisiert nicht. Sivadier stellt sein Stück ganz schlicht wie einen Spiegel unserer heutigen Gesellschaft hin und lässt die Gegenüberstellung langsam wirken.

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