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„Hedda Gabler“ in Frankfurt : Bürger im Glaskasten

Wie es wohl wäre, einmal Macht über ein Menschenschicksal zu haben? Bild: Birgit Hupfeld

Nur nicht alles gleich so hoch hängen: Mateja Koležnik inszeniert am Schauspiel Frankfurt Ibsens „Hedda Gabler“. In der Kühle der Produktion gedeihen die unguten Kräfte umso besser.

          2 Min.

          Langeweile. Ein Zustand, den heute kaum mehr Kinder be­klagen, weil schon die so un­glaublich viel zu tun haben. Wie langweilig alles ist, das sagt Hedda Gabler gleich ein paar Mal in Henrik Ibsens Stück, das 1890 geschrieben worden ist und bis heute als „modern“ gilt, was immer damit gemeint ist. Die Langeweile jedenfalls mag ihre Konjunk­turen haben, so recht aber kann man nicht glauben, sie sei der Urgrund für das ganze Drama mit zwei Toten. Wie aber umgehen mit diesen gelangweilten Stoßseufzern der jungen Ehefrau? Und wie damit, dass sie sich wünscht, einmal Macht über ein Menschenschicksal zu ha­ben? Wobei dieser Satz nun derart deplatziert herausquillt aus Hedda Gabler, dass man glauben möchte, Nichtstun sei ausgesprochen tödlich. Zumal sie selber spürt: Sie wird nicht gebraucht.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik, die seit knapp zehn Jahren im deutschsprachigen Theaterbetrieb viel un­terwegs ist, entscheidet sich für: Nicht alles so hoch hängen. Sie kehrt mit Ibsen, einem von ihr hochgeschätzten Autor, nach „Yvonne, die Burgunderprinzessin“ ans Schauspiel Frankfurt zurück. Viel Fahrt nimmt das nicht auf im Lauf von 90 straffen Minuten. Aber in der Kühle gedeihen die unguten Kräfte umso besser. Dass sie ungut sind, signalisiert schon der Anfang, ein Schuss in der Dunkelheit.

          Ge­messene Gesten und kaum erhobene Stimmen

          Ein Knall am Ende, dazwischen geht es eher ruhig zu. So ruhig, dass man vermuten könnte, es sei tatsächlich die schiere Langeweile, die Koležnik da in ei­­nem extrem gepflegten Glaskasten, den ihr vertrauter Bühnenbilder Raimund Orfeo Voigt ein weiteres Mal ge­baut hat, anrichtet. Es sind aber eher, wie sie der Kasten selber vollführt, der aus- und eingefahren wird, hauchfeine Verschiebungen, die zu beobachten sind, während minimalistische Klänge von Bernd Wrede bedrohlich pulsieren. Auf Menschenmaß gebracht in einer Inszenierung, die sich den Gag erlaubt, die größte Sprechtheaterbühne weit und breit zu einem sehr speziellen Kammerspiel zu verdichten.

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          Der Bühnenraum eine riesige dunkle Masse drumherum, aus dem diffus be­leuchteten Glaskasten dringen die verstärkten Stimmen umso klarer ins Publikum. Die Villa der Tesmans ein rechtwinkliges Eigenheim der gehobenen Aka­demikerkreise, auf Pump gekauft, mit wenigen noch verpackten Möbeln und Bildern und wirklich todschicken Klamotten. Und das Publikum starrt hinein, als wäre es die voyeuristische Nachbarschaft, der im Wintergarten ne­benan ein Drama serviert wird. Woraus es besteht, versucht Koležnik weit weniger plakativ als üblich zu lösen, mit ge­messenen Gesten und kaum erhobenen Stimmen.

          Alles im Rahmen der Norm

          Anna Kubin als Hedda Gabler ist keine Dämonin und auch kein Opfer von Misogynie, Jörgen Tesman kein beschränkter Patriarch. Peter Schröder als Ministerialrat Brack fummelt nicht ostentativ in Heddas Ausschnitt herum, er ist ein zu­rückgenommener Intrigant und wirkt so weit gefährlicher als Hedda. Katharina Linder ist als Tante Juliane weder bigott noch hinterlistig, sie tut halt, was sie kann. Tanja Merlin Graf als Thea Elvsted wirkt dazwischen wie eine etwas verwirrte Elfe, man ahnt: Irgendwann wird sie Heddas Nachfolgerin werden. Und Ejlert Lövborg (Andreas Vögler) wirkt keineswegs wie das unbürgerliche Genie, das Tesman aus ihm macht.

          Alle sind sie, auch in ihren Attitüden, eher normale Leute, bürgerlich, mit Spielräumen im Rahmen einer Norm, al­so recht nah an ihren Betrachtern. Tesman mag der Heutigste unter ihnen sein: Ihn drücken Schulden und Hoffnungen, er muss eine Karriere machen. In Torsten Flassigs schlaksigem Gelehrten mit peinlichen Slippern schimmert eine bedrängte Gutherzigkeit, die in scharfem Kon­trast steht zu seiner stets tief dekolletierten, kühlen, blonden Frau, die ihm in al­lem eine Nummer zu groß ist, sogar, wenn sie ihn scheinbar leidenschaftlich ab­küsst. Ach was, sie scheint sich selbst eine Nummer zu groß zu sein, wie ein Diva im falschen Film. Der wird der Glaskasten der Ehe, der Wohnung, der enttäuschten Erwartungen rasch zum Gefängnis – und ihr Körper auch. Da erscheint die angedeutete Schwangerschaft gegen En­de fast noch mehr ein Grund zum Selbstmord als alles andere. Eindeutig ist hier gar nichts, es atmet kühle, böse Eleganz. Auf Heddas Totenschein müsste bei Koležnik stehen: multikausale Sterbe­ursache.

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