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Ibsen und Pollesch open air : Postpassion im Endstadion

Hauptsache, die Aufführung wird von der Regie nicht komplett an die Wand gefahren: Bei René Pollesch geht’s jederzeit rasant zur Sache. Bild: dpa

Freilufttheater im Autokino und in Oberammergau: Eine Theaterautofahrt zu René Polleschs neuestem Weltjugendfestspiel und Henrik Ibsens fast schon ganz vergessenem Stück „Kaiser und Galiläer“ führt von lebendigen Anschlussfehlern bis zum mystischen Fanatismus - zwei Saisonhöhepunkte.

          Wenn die modernen Fußballstadien die antiken Arenen von heute sind, dann ist das Autokino der letzte legitime Erbe des mittelalterlichen Passionsspiels. Mitten im Dreißigjährigen Krieg legten die katholischen Einwohner von Oberammergau, Oberbayern, ein Gelübde ab. Das war 1633. Seitdem gibt es die Oberammergauer Passionsspiele, die ältesten und berühmtesten der Welt. Exakt drei Jahrhunderte später öffnete in Camden, New Jersey, das erste Autokino seine Tore: eine Oase der Teenagerfreiheit inmitten der großen puritanischen Wüste Amerika. Kann das Zufall sein? Wohl eher nicht. Das würde zumindest René Pollesch sagen, dessen wortschleifenverliebtes Post-Passionstheater den Beelzebub Zufall und Beliebigkeit mit jedem Satz beschwört, um ihn auszutreiben.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Am vergangenen Wochenende wurde das neueste Stück von Pollesch vom Staatstheater Stuttgart uraufgeführt. Sein Titel: „Stadion der Weltjugend“. Ort der Aufführung: das Autokino Kornwestheim bei Stuttgart. Die Leinwand ist 240 Quadratmeter groß, der asphaltierte Parkplatz davor bietet Platz für einhundertfünfzig mit Theaterweltjugendlichen jeglichen Alters locker befüllten Autos, darunter ein alter blauer Volvo, ein gülden glänzendes Cabriolet amerikanischer Bauart mit freizügig geöffnetem Mieder (offenes Verdeck) sowie ein grünes Cabriolet Ingolstädter Abstammung mit züchtig geschlossenem Verdeck. Die drei Autos gehören zum Stück, was aber noch niemand ahnt, als um 20 Uhr 30 die Gittertore geöffnet werden und die ersten Zuschauer in ihren zum Teil etwas aufgebrezelt wirkenden Schüsseln mantamäßig cool und langsam über das in der warmen schwäbischen Abendsonne erwartungsvoll daliegende Gelände rollen. Hier könnte gleich alles passieren. Oder gar nichts. Zum ersten Mal in der Geschichte des Stuttgarter Staatstheaters tragen die Platzanweiser Sicherheitswesten in Leuchtfarben.

          Unmöglich, der Subjektivitätsfalle zu entgehen

          Vierundzwanzig Stunden später und dreihundertfünfunddreißig Autokilometer weiter südöstlich zeigt das Passionstheater Oberammergau ein Stück, für das Intendant Christian Stückl tief graben musste: Hendrik Ibsens gründlich vergessenes religionskritisches Werk „Kaiser und Galiläer“ aus dem Jahr 1873 wurde laut Stückl mehr als hundert Jahre lang nicht mehr gespielt, die Oberammergauer Inszenierung kann also beinahe schon wieder als Uraufführung durchgehen. Von den etwa 4800 überdachten Sitzplätzen bleiben viele leer, denn in einer übermächtigen Konkurrenzarena irgendwo in Frankreich trifft Fußball-Deutschland am selben Abend auf Italien, weshalb Stückl all diejenigen, die trotz des Viertelfinalspiels gekommen sind, zünftig begrüßt und eindringlich bittet, nach der Pause freiwillig und ohne besondere Aufforderung zurückzukommen: „Es gibt ka Glockn.“ In der gut zwanzigminütigen Pause gießt es immer noch aus Kübeln, an überdachten Ständen warten Gulaschsuppe (3,50 Euro) und Kirschgeist (2,50 Euro) auf die Zuschauer. Die uncoole rote Rentnerdecke gegen die in der feuchten Nachtluft die Beine hochkriechende Oberammergauer Schweinskälte kostet fünf Euro und bewährt sich vorzüglich.

          In Kornwestheim kann es erst losgehen, wenn die schwäbische Abendsonne verschwunden ist. Dann wirft ein 4500-Watt-Filmprojektor die Bilder, die von Polleschs Live-Kameras eingefangen werden, auf die 24 Meter breite Leinwand. Martin Wuttke spielt eine Art Humphrey Bogart aus elisabethanischer Zeit: einen Spezialisten für Frauenrollen, der sich im Abendanzug, mit Fliege und Menjoubärtchen, bei seinen vier Mitspielern im allerräudigsten Jammerton darüber beklagt, dass Schauspieler heute immer nur sich selber spielen sollen. Es geht um Gender-Schlamassel („Wenn ich keine Frau spiele, bin ich eh ein Mann“), Kontinuitätslücken in Film und Leben („Du bist ein lebendiger Anschlussfehler“), Beziehungsprobleme, Zigaretten, die „Heterotopie Autokino“ („In einem Autokino ist es völlig egal, was läuft, wie in meinem Leben“) und die Unmöglichkeit, der Subjektivitätsfalle zu entgehen.

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