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Ibsen und Pollesch open air : Postpassion im Endstadion

Bibelnahe Stoffe werden bevorzugt

Andererseits ist Wuttke aber auch „Frank“, nämlich Frank Bullitt aus dem 1968 gedrehten Thriller von Peter Yates, der in den Straßen von San Francisco die wohl berühmteste Verfolgungsjagd der Filmgeschichte inszeniert hat. Steve McQueen saß damals am Steuer eines Ford Mustang, Frank Bullitt-Wuttke lenkt jetzt seinen offenen Gold-Chevy durch die Reihen des Kornwestheimer Autokinos, die für eine Verfolgungsjagd natürlich zu eng sind. Deshalb werden die legendären Filmszenen im klassischen Rückpro-Verfahren eingeblendet. So beginnt der Abend mit einem Filmzitat und einem hübschen Pollesch-Effekt: Zuschauer, die im Auto sitzen, sehen auf einer Leinwand im Auto sitzende Schauspieler, die vor einer Leinwand stehen und so tun, als wären sie Teil der Autoverfolgungjagd, die sich auf der Leinwand vor ihnen abspielt. Alice im Spiegelland hat endlich den Führerschein gemacht.

Frederik Mayet als Julian in der Oberammergauer Ibsen-Inszenierung

So metamäßig um die postpassionstheatralische Ecke gedacht wie bei Pollesch geht es in Oberammergau natürlich nicht zu. Hier ist alles ernsthafter, ganz überwiegend unironisch, aber keineswegs in mittlerweile fast vierhundertjähriger Tradition erstarrt. Weil die Passionsspiele seit 1680 nur noch alle zehn Jahre aufgeführt werden - und dann etwa eine halbe Million Zuschauer anziehen -, muss die Freiluftbühne in den übrigen Jahren mit anderen Stücken bespielt werden. Bibelnahe Stoffe werden bevorzugt.

Wie in einer Taliban-Hochburg

Nach Verdis „Nabucco“ im vorigen Jahr steht nun „Kaiser und Galiläer“ auf dem Programm, ein Drama über Julian Apostata, den römischen Kaiser des vierten Jahrhunderts, der das seit Konstantin dem Großen im Reich privilegierte Christentum zurückdrängen und die alten Götter und Mysterienkulte wieder in ihre früheren Rechte setzen wollte. Ibsen, der das Stück mehrfach als sein Hauptwerk bezeichnet hat, aber auch für unspielbar hielt, erzählt darin von Heiden- wie von Christenverfolgung, von höfischen Intrigen und Giftmorden, kühler Machtpolitik und glühendem Fanatismus, von kaiserlichem Größenwahn und der skrupellosen Instrumentalisierung religiöser Überzeugungen.

Stückl setzt in seiner knapp dreistündigen Strichfassung auf die Parallelen zu heutigen Ereignissen, ohne die Aktualisierung zu weitzutreiben. In der ersten Szene, wenn der junge Julian und seine Entourage in Frack und Smoking die Bühne stürmen, riecht es nach vorletzter Jahrhundertwende, Carsten Lücks Hekebolios verbreitet im Bischofsornat Hochhuthsche Stellvertreter-Atmosphäre, und der hünenhafte Stephan Burkhart als Maximos, der manipulative Mystiker, an dessen Fäden Julian zappelt, ist eine Mischung aus Rasputin, Buddha, Derwisch und salafistischem Hassprediger. Am Ende geht es am kaiserlichen Hof in Byzanz zu wie in einer Taliban-Hochburg - junge Männer mit langen Bärten ergötzen sich an ihrer blutigen Schreckensherrschaft.

Vermutlich kein guter Autofahrer

Die Freilufttheatersaison hat ihre ersten Höhepunkte erlebt. Es muss ja weiß Gott nicht immer „Jedermann“ sein. Zwischen Kornwestheim oder Oberammergau liegt mehr als nur die Strecke von gut dreihundert Kilometern. Die Oberammergauer Laiendarsteller, die wie der wirkungsvoll eingesetzte Chor und das Orchester auch bei den Passionsspielen zum Einsatz kommen, leisten zum Teil Erstaunliches, allen voran Frederik Mayet als Julian und Abdullah Keran Karaca als sein Gegenspieler Gregor von Nazianz. Martin Wuttke, der bei der Uraufführung die Souffleuse notgedrungen, aber lässig ins Schauspielerteam integrierte, ist ein grandioser Schauspieler, aber vermutlich kein guter Autofahrer. Wie seine Mitfahrer, Polleschs postpassionstheatralische Verkehrsteilnehmer Julischka Eichel, Manuel Harder, Abak Safaei-Rad und Christian Schneeweiß, konzentriert er sich zu wenig auf die Straße und redet einfach zu viel.

Dient das Auto nicht im Idealfall entweder als mobile Mönchsklause, als Ort beschleunigter Kontemplation oder aber als Liebesnest? Als das Autokino noch das Stadion war, in dem allabendlich Weltjugendliebesspiele stattfanden, ereignete sich die Kommunikation zwischen den Geschlechtern ganz überwiegend auf nonverbale Weise. Ist lange her. Wem es in Kornwestheim zwischendurch mal langweilig wurde, der konnte unauffällig zu „Ice Age 5“ wechseln. Das lief auf der zweiten, gegenüberliegenden Kinoleinwand. Aber richtig zu erkennen war im Außenspiegel eigentlich nur das Mammut. Und auch das war noch viel smaller than life.

Weitere Aufführungen

„Stadion der Weltjugend“ von René Pollesch

Die Vorführungen im Autokino Kornwestheim beginnen um 21.30 Uhr, Einlass ist ab 20.30 Uhr.

Donnerstag, 7. Juli
Freitag, 8. Juli
Samstag, 9. Juli

Donnerstag, 14. Juli
Freitag, 15. Juli
Samstag, 16. Juli

Donnerstag, 21. Juli
Freitag, 22. Juli
Samstag, 23. Juli

„Kaiser und Galiläer“ von Henrik Ibsen in Oberammergau

Freitag, 15. Juli, 20 Uhr
Samstag, 16. Juli, 20 Uhr

Donnerstag, 21. Juli, 20 Uhr
Freitag, 22. Juli, 20 Uhr
Samstag, 23. Juli, 20 Uhr

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