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Ibsen-Premiere in Hamburg : Im Wasser schwimmt eine Seuche

Ein skandinavischer Schreckensverschnitt von Bonnie und Clyde: Marina Galic als Helena Werle und Jens Harzer als ihr Bruder Greger. Bild: Armin Smailovic

Wenn einer sich nicht mehr auf die gespaltene Zunge beißen will: Am Thalia Theater in Hamburg inszeniert Thorleifur Örn Arnarsson einen wirkungsvollen Ibsen-Verschnitt aus „Wildente“ und „Volksfeind“ als tragikomisches Kammerspiel.

          3 Min.

          Dichter Nebel liegt über der Quelle. Gebückt sitzen die Geschwister Greger Werle und Helena Werle in schwarzen Gewändern. Die Gesichter schauen ins Leere. Ihre Gespräche haben ein Ende gefunden. Ein Satz schwebt im Raum, so wie die Nebelbrühe, die das Unheil des kleinen norwegischen Kurortes andeutet: „Unser Reichtum und unser Leben sind auf einer Lüge gebaut.“ Diese Offenbarung ist das Leitmotiv eines Theaterabends im Thalia Theater, der Henrik Ibsens Dramen „Die Wildente“ von 1884 und „Der Volksfeind“ von 1883 zu einer Tragikomödie verknüpft.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson nimmt sich darin die zentralen Gegensätze (Lüge und Wahrheit, Freiheit und Determination, Ordnung und Chaos) im Werk des großen Norwegers vor und entwirft davon ausgehend das Psychogramm einer „braven“ Familie, deren Existenz von Unwahrheiten gefährdet ist.

          Doch zunächst beginnt die Adaption als Rückblick in die Vergangenheit. Der Wissenschaftler Greger, gespielt von Jens Harzer, ist nach einem Streit aus seiner Heimat geflohen. Wegen der Beerdigung seines Vaters muss er zurück in seinen Geburtsort. Dort hat sich vieles geändert. Das Kurbad seiner Familie, geführt von seiner skrupellosen Schwester Helena (Marina Galic mit stahlblonden Haaren und Paillettenkleid), generiert enorme Gewinne. Sein bester Freund, der Fotograf Hjalmar Ekdal, dargestellt von Merlin Sandmeyer, hat eine Familie gegründet. Dessen Tochter Hedwig ist zu einer selbstbestimmten Frau herangewachsen. Im Gepäck hat Greger seinen Wahrheitsdrang, der den Ort und die Familie Ekdal in eine tiefe Krise stürzen wird. Er findet heraus, dass die Quelle, die Lebensader des Kurorts, vergiftet ist. Aufgeregt läuft er mit dieser Nachricht über die Bühne, wild entschlossen dazu, alle Lügen in dieser Welt offenzulegen.

          Am Grunde des Meeres

          Doch die Familie Ekdahl hat ihre eigenen Probleme. Die kränkelnde Hedwig ist in der Pubertät und will aus der Enge ihres Elternhauses ausbrechen. Zu Beginn ist sie ein Mauerblümchen. Ihre Mutter ist streng. Die kleine Wildente im Wald, die ihr Großvater angeschossen hat, ist das Einzige, was ihrem Leben einen Sinn gibt. „Sie ist Wildvogel. Sie hat keine Familie. Sie hat niemanden. Nur mich“, sagt sie traurig lächelnd. Ihr Drang nach Freiheit wird immer stärker, so wie auch der Wahrheitstrieb von Greger. Beide spüren, dass sie von Lügen umgeben sind. „Wenn ich manchmal allein bin, hoffe ich, dass alles hier am Grunde des Meeres liegt.“

          Wildente in Lebensgefahr: Rosa Thormeyer als Hedwig Ekdal Bilderstrecke
          Ibsen am Thalia Theater : Im Wasser schwimmt eine Seuche

          Bühnen- und Kostümbild sind in Arnarssons Inszenierung zunächst düster. Graue Vorhänge und schwarze Kleider deuten den strengen Protestantismus an, der in dem kleinen norwegischen Kurort das Familienleben bestimmt. Später wandelt sich die Kurquelle in einen kalifornischen Beachclub. Palmen und Plastikfiguren umrahmen einen Pool. Die Bühne, die am Anfang an ein Gemälde des dänischen Romantikers Vilhelm Hammershøi erinnert, entwickelt sich in ein Pop-Art-Motiv im Stil von David Hockney. Immer wieder unterbrechen Gesangseinlagen das Bühnengeschehen – französische Chansons, Indie-Hymnen, Rap, Rockmusik. Auf ihre Weise machen sie klar: Auch heute noch spricht jeder mit gespaltener Zunge.

          Verseuchte Quellen, schmutziges Geschäft

          Das antagonistische Spiel der beiden Geschwister steigert sich schließlich zum Höhepunkt dieses Theaterabends. Mal wirken Harzer und Galic wie ein skandinavischer Verschnitt von Bonnie und Clyde, die die Welt um sich herum in den Abgrund stürzen – mal sind sie wie Engel und Teufel zu­einander. Während Helena eine eiskalte Geschäftsfrau ist, die ihre Gewinne über die Gesundheit der Kurgäste stellt, ist Greger ein nachdenklicher, hochsensibler Mann und ein Idealist, der sich von der dominanten Schwester einschüchtern lässt. „Das Wasser unserer Familie ist eine Seuche“, schreit er immer wieder in den Saal. Sein Gesicht verzieht sich. Mit allen Mitteln kämpft Helena dafür, dass ihr Bruder der Öffentlichkeit nicht ihr schmutziges Geheimnis von den verseuchten Quellen offenbart.

          Greger, der verlorene Sohn, wird bei Arnarsson, der unter anderem schon viel am Norwegischen Nationaltheater in Oslo gearbeitet hat, zum stillen Helden. Genauso wie die junge Tochter, die sich aus den Fängen ihres Elternhauses und den Lügen ihrer Familie befreit. Dem Publikum Ibsens Kosmos ausgehend von diesen zwei Helden vorzustellen und also die beiden Dramen zu einem tragikomischen Kammerspiel zusammenzufassen ist eine gute Idee. Einige Passagen der Inszenierung sind dennoch zu lang, und auch die Gesangseinlagen wirken zusammenhanglos.

          Doch das Ende wirkt kraftvoll: Da haben sich die Verstrickungen der Vergangenheit offenbar gelöst. Da scheint die Familie Ekdahl von all ihren Sünden gereinigt zu sein. Aber in Wahrheit ist in dem kleinen Kurort, zwischen protestantischer Ethik und frivoler Strandatmosphäre, nichts mehr, wie es einmal war. Sicher bleibt nur, dass jeder ein dunkles Geheimnis in sich trägt und dass stets ein leiser Schleier des Ungesagten über allem schwebt – „Hörst du, wie still es hier ist. So still, dass man es hören kann.“

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