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Opernhaus Zürich : Stimmen steigen, Köpfe rollen

  • -Aktualisiert am

In Zürich sind jetzt „I Puritani“ von Vincenzo Bellini in einer exzellenten Besetzung zu erleben. Auch die spektakuläre Regie von Andreas Homoki muss den Vergleich mit legendären Vorbildern nicht scheuen.

          Der einst gefeierte Tenor Beniamino Gigli soll das Teatro Bellini im sizilianischen Catania, dem Geburtsort des Komponisten Vincenzo Bellini, das „schönste Opernhaus der Welt“ genannt haben. Glauben muss man das nicht. Aber kennt man das Haus, kann man leicht die morbide Glorie nachvollziehen: Prächtig, doch nicht riesig, viel Holz, mit Hohlräumen über dem Ätna-Tuff-Grund, wirkt es als eigener Resonanzraum, lässt den Klang schwingen, ohne massiv zu werden – für die Musik Bellinis keine schlechte Voraussetzung. Sie hat die Melomanen stets begeistert, aber auch die Komponisten. Richard Wagner entdeckte in ihr seine „unendliche Melodie“. Und selbst Luigi Nono, gewiss kein Fan von Schmiss und Schmalz, pries ihr Changieren ins Immaterielle der „Hörtragödie“.

          Nun gilt Bellini als exquisit elegischer Melodiker, und die fragilen, mit Wahn geschlagenen Sopran-Heroinen der Belcanto-Oper sind Ikonen früher Romantik ganz analog zu den Leidens-Engeln der epochalen Ballerinen: Passiv-weltentrückt stehen sie für die Absage an die krude Wirklichkeit wie für die filigrane Künstlichkeit schier esoterischer Gesangs-Transzendenz. Drama, gar Realismus habe man da nicht zu suchen.

          Opern-Turbulenzen mit verstörender Tagesaktualität

          Das ist die eine Behauptung; die zweite lautet: trotz und gerade Maria Callas’ wegen, Wiederbeleberin, Revolutionärin und Hohepriesterin des Ziergesangs, bleibe die Gattung letztlich anachronistisch, in der Dominanz vokalen Figurenwesens formalistisch wie der Ballett-Kanon. Die deutsche Neigung, Inhalt über Form zu stellen, hat nicht zuletzt im Wagner-Kult die Rezeption verengt. Allerdings sind weder Bellinis Orchestersatz noch seine Harmonik so stereotyp, seine Libretti so schlicht wie behauptet. Und schon die Konflikt-Energie der „Norma“ widerspricht dem.

          Vollends „I Puritani“, Bellinis letzte Oper, kommt uns ästhetisch wie sogar politisch unerwartet näher, nehmen doch die religiös unterfütterten (Bürger-)Kriege, Chauvinismus, Rassismus und Kreuzzugsrhetorik, Fundamentalismen aller Art beklemmend zu. Der Mord an der englischen Labour-Abgeordneten Jo Cox belegt erst recht, welch fanatischer Furor um sich greift: Im Zeichen des „Brexit“-Streits erscheinen einem die Opern-Turbulenzen um Hass, Liebe und Wahnsinn mit ihren mörderischen Konsequenzen im 17. Jahrhundert gar nicht mehr so gänzlich zeitlos.

          Bellinis unerwartete Fähigkeit

          Jetzt ist es der Zürcher Oper gelungen, die Klischees des puren Vokal-Spektakels wie der Staffage-Dramaturgie gleichermaßen zu korrigieren, den Rang der Partitur und die Dringlichkeit des Sujets zu vermitteln. Nicht selten wurde über Bellinis Oper genau das Gleiche behauptet wie über den „Troubadour“ von Giuseppe Verdi: Das Stück sei ganz einfach, man müsse nur die vier besten Stimmen der Welt aufbieten. Ist das schon immer allzu schlicht gewesen, so lastet auf der Partie der Elvira in den „Puritani“ noch das Über-Ich der Callas. Befreit man sich davon, stellt man erfreut fest, dass es auch heute durchaus möglich ist, die vier Partien fulminant und abseits der Vorbild-Folien zu besetzen. Für die Elvira bringt die Südafrikanerin Pretty Yende einen lyrischen Koloratur-Sopran mit, der außerordentlich beweglich, dabei warm timbriert ist und zugleich über die nötige Energie für dramatische Steigerungen und Ausbrüche verfügt. Die genaue vokale Fokussierung ermöglicht es ihr, die emotionalen Aggregatzustände zwischen festlicher Euphorie (etwa in der D-Dur-Polacca des ersten Akts), empfindsamer Entrückung, Verzweiflung und Wahnsinn auszuagieren und der Figur damit einen Charakter und nicht nur eine Maske belcantistischer Virtuosität zu verleihen. In diese Aufführung fügt sie sich stringent und ist dabei alles andere als ein Koloratur-Automat.

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